Deutschlands CO₂-Emissionen sinken. Was die Statistik aber nicht zeigt, ist, dass ein erheblicher Teil dieses Rückgangs nicht dadurch entsteht, dass weniger emittiert wird, sondern dadurch, dass die Emissionen ins Ausland verschoben wurden. Das ist kein Rückgang. Das ist eine Umbuchung.
Was Carbon Leakage bedeutet
Carbon Leakage bezeichnet das Phänomen, dass CO₂-Emissionen aus einer strengen Regulierungszone verschwinden, weil die emittierende Produktion in eine Zone mit weniger strengen Regeln verlagert wird. Die Emissionen hören nicht auf zu existieren. Sie tauchen nur in einer anderen Statistik auf, nämlich in der des Ziellandes.
Für Deutschland bedeutet das Folgendes. Wenn eine Aluminiumhütte oder ein Chemiewerk schließt und die Produktion nach China oder in den Nahen Osten verlagert wird, sinkt der deutsche CO₂-Ausstoß. Die globale Bilanz verschlechtert sich dabei in vielen Fällen sogar, weil die Produktion im Zielland energieintensiver und emissionsreicher abläuft als in Deutschland.
Die Zahlen hinter der Deindustrialisierung
Der Endenergieverbrauch der deutschen Industrie ist zwischen 2000 und 2024 um 9,6 Prozent gesunken, von 2.421 auf 2.187 Petajoule. Das klingt nach Effizienz. Es ist zu einem erheblichen Teil Verlagerung.
Die Beispiele sind nicht abstrakt. BASF hat am Stammwerk Ludwigshafen seit 2022 rund 2.500 Stellen abgebaut und Anlagen geschlossen. Gleichzeitig investiert das Unternehmen 8,7 Milliarden Euro in einen neuen Verbundstandort in Zhanjiang, China, der im März 2026 eröffnet wurde. Die deutsche Aluminiumindustrie hat ihre Primärproduktion seit 2021 drastisch reduziert, nach einem Minus von mehr als 30 Prozent im Jahr 2022 brach die Erzeugung 2023 um weitere 45 Prozent ein. Die deutschen Hütten produzierten damit nur noch rund ein Drittel des Volumens von vor der Energiekrise. Primäraluminium wird heute fast ausschließlich importiert. ArcelorMittal hat die Produktion am Stahlwerk Hamburg wegen explodierter Energiekosten massiv gedrosselt. Wacker Chemie hat Siliziumproduktion nach Asien verlagert.
Jede dieser Entscheidungen hat einen gemeinsamen Nenner. In Deutschland ist die energieintensive Produktion unter den gegebenen Strom- und CO₂-Kostenstrukturen nicht mehr wirtschaftlich. Die Nachfrage nach den Produkten besteht weiterhin. Sie wird nun anderswo gedeckt.
Das Aluminium-Rechenbeispiel
Die Produktion einer Tonne Primäraluminium verbraucht rund 14.000 Kilowattstunden Strom, das entspricht dem Jahresverbrauch von etwa vier durchschnittlichen Haushalten. In Deutschland entstehen dabei, je nach Strommix, vier bis sieben Tonnen CO₂ pro Tonne Aluminium. In China liegt der Wert heute bei über sieben Tonnen, weil der Strommix dort noch deutlich kohlelastiger ist.
Dieselbe Tonne Aluminium, die früher in Deutschland produziert wurde, verursacht heute weltweit mehr CO₂ als zuvor. In der deutschen Statistik taucht davon nichts auf. Die Produktion wurde ausgelagert, die CO₂-Emissionen gleich mit.
CBAM, die Antwort der EU und ihre Grenzen
Die Europäische Union hat mit dem Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) ein Instrument geschaffen, das genau dieses Problem adressieren soll. Seit 2026 werden auf Importe kohlenstoffintensiver Güter Abgaben erhoben, die dem EU-CO₂-Preis entsprechen. Der Mechanismus soll Carbon Leakage verhindern, indem importierte Waren denselben Kohlenstoffkosten unterliegen wie in Europa produzierte.
CBAM ist ein begrenzter Ansatz. Er erfasst nur direkte Emissionen, nicht die gesamte Lieferkette. Er wirkt nur an den EU-Außengrenzen, nicht auf Drittmärkten, auf denen europäische Unternehmen mit verlagerten Kapazitäten konkurrieren. Und er kommt für Kapazitäten, die bereits verlagert wurden, zu spät.
Die grundlegende Ursache löst CBAM nicht. Solange energieintensive Produktion in Deutschland strukturell unwirtschaftlich ist, weil Industriestrompreise im internationalen Vergleich zu hoch liegen, setzt der Mechanismus an der Symptomebene an, nicht an der Ursache.
Was die Bilanz wirklich zeigt
Die Verbindung zu den vorangegangenen Beiträgen dieser Serie ist direkt. Beitrag 1 hat gezeigt, dass der Rückgang des Primärenergieverbrauchs zu einem erheblichen Teil auf Deindustrialisierung zurückzuführen ist, nicht auf Effizienz. Beitrag 5 hat gezeigt, dass der Energiebedarf in den kommenden Jahren massiv steigen wird, während gesicherte Kapazitäten abgebaut werden.
Carbon Leakage verbindet beide Befunde. Der statistisch sichtbare Rückgang der Emissionen und des Energieverbrauchs ist teilweise eine Folge davon, dass Produktion und damit Emissionen ins Ausland verlagert wurden. Was in der deutschen Statistik als Fortschritt erscheint, ist global betrachtet in vielen Fällen eine Verschlechterung.
Deutschland exportiert keine grüne Energie. Deutschland exportiert seine Industrie, und mit ihr einen Teil seiner Emissionen. Das ist die ehrliche Bilanz.
Quellenverzeichnis
AG Energiebilanzen e.V. – Energiebilanz Deutschland 2000 & 2024
https://ag-energiebilanzen.de/wp-content/uploads/EBD24p2_Auswertungstabellen_deutsch.pdf
BASF – Stellenabbau Ludwigshafen und Investition Zhanjiang (Börse Express, Mai 2026)
https://www.boerse-express.com/news/articles/basf-aktie-87-milliarden-fuer-zhanjiang-komplex-906067
BASF – Eröffnung Verbundstandort Zhanjiang (MarketScreener, März 2026)
https://www.marketscreener.com/news/basf-launches-major-production-plant-at-chinese-site-ce7e59dcdd80f227
Aluminium Deutschland – Produktionsrückgang 2023 (Packaging Journal, Januar 2024)
https://packaging-journal.de/deutsche-aluminiumindustrie-im-minus/
Aluminium Deutschland – Produktionsrückgang 2023 (International Aluminium Journal, Januar 2024)
https://www.aluminium-journal.de/deutsche-aluminiumindustrie-die-lage-ist-dramatisch
ArcelorMittal Hamburg – Produktionsdrosselung wegen Energiekosten (Handelsblatt, September 2022)
https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/stahlhersteller-zu-hohe-energiekosten-arcelor-mittal-stellt-produktion-an-zwei-deutschen-standorten-ein/28653048.html
IEA World Energy Outlook 2023
https://www.iea.org/reports/world-energy-outlook-2023
EU-Verordnung CBAM (2023/956)
https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32023R0956
Aluminium-Rechenbeispiel
https://www.aluminiumdeutschland.de/lexikon/begriff/stromerzeugung/
https://cleantechnica.com/2026/02/08/why-chinas-aluminum-industry-may-have-reached-peak-co2


