Heute ist der 31. Oktober, und wer in den vergangenen Wochen durch Supermärkte und Kaufhäuser gegangen ist, könnte meinen, das wichtigste Fest des Herbstes heiße Halloween. Plastikskelette, Kunstblut und Kürbisse in jeder Größe. Dabei ist heute in Brandenburg gesetzlicher Feiertag, und zwar nicht wegen der Kürbisse, sondern wegen eines Mönchs aus Wittenberg. Morgen folgt Allerheiligen. Und heute Nachmittag wollen junge Menschen in vielen deutschen Großstädten demonstrieren. Ein Tag mit drei Gesichtern, und nur eines davon trägt eine Gruselmaske.
Halloween kam nicht aus dem Brauchtum, sondern aus der Werbeabteilung
Ursprünglich brachten irische Einwanderer den Brauch nach Amerika, von dort schwappte er nach Deutschland [1]. Dass er hier so schnell Fuß fasste, hat einen sehr nüchternen Grund. 1991 fielen wegen des Golfkriegs die Karnevalsveranstaltungen aus. Die Karnevals- und Spielwarenindustrie führte daraufhin Halloween mit einer massiven Werbekampagne ein, um ihre Einbußen auszugleichen [1][2]. Die Theologin Margot Käßmann brachte es auf den Punkt: Es gehe dabei nur um Geld [1].
Ich gönne jedem Kind seinen Beutel Süßigkeiten. Aber man sollte sich nichts vormachen: Halloween ist bei uns kein gewachsener Brauch, sondern ein bestelltes Geschäftsmodell. Bedenklich wird es, wenn Kinder und Jugendliche den 31. Oktober und den 1. November vor allem mit Halloween verbinden und nicht mehr mit dem Reformationstag und Allerheiligen. Davor hat der frühere kurhessische Bischof Martin Hein schon vor Jahren gewarnt [2].
Reformationstag: Ein Mönch, 95 Thesen und der Mut zum Widerspruch
Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen gegen die Missstände der Kirche seiner Zeit. Der Überlieferung nach schlug er sie an die Tür der Wittenberger Schlosskirche [3]. Ob er tatsächlich zum Hammer griff, ist historisch nicht belegt [4]. Die Folgen dagegen kennt jeder: Aus einem Streit über den Ablasshandel wurde die Reformation.
Heute ist der Reformationstag in neun Bundesländern gesetzlicher Feiertag, in den ostdeutschen Ländern außer Berlin und seit 2018 auch in Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein [3].
Und jetzt kommt die eigentliche Pointe: Luther wählte für seine Thesen ausgerechnet den Vorabend von Allerheiligen [4]. Der deutsche Beitrag zu diesem Abend ist also kein ausgehöhlter Kürbis, sondern ein Thesenpapier. Käßmann erinnerte daran, dass Luther den Menschen die Angst nehmen wollte [1]. Halloween macht das Gegenteil und verkauft Angst als Unterhaltung, Stück für Stück an der Kasse. Ich finde, der Reformationstag ist die bessere Geschichte.
Allerheiligen: Ein stiller Tag für die, die vor uns waren
Morgen folgt Allerheiligen. Papst Gregor IV. legte das Fest im Jahr 835 auf den 1. November fest [5]. In Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland ist es gesetzlicher Feiertag [6]. Am Tag darauf, an Allerseelen, wird aller Verstorbenen gedacht [7]. Viele Familien besuchen in diesen Tagen die Gräber ihrer Angehörigen. Das ist das Gegenteil von Plastikgrusel: echte Erinnerung, ganz ohne Kassenbon.
Gen Z auf der Straße: Berechtigter Frust und unerwünschte Mitläufer
Heute Nachmittag ruft die Initiative „Gen Z regelt“ zu Protesten in rund 30 Städten auf. Als Hauptorganisator tritt sie in Hamburg, Berlin, Frankfurt, Köln und München auf. Auf ihrer Internetseite hatten sich bis Donnerstagnachmittag mehr als 153.500 Teilnehmer angemeldet [8]. In Berlin ist von 14 bis 19 Uhr eine Kundgebung am Brandenburger Tor angemeldet [9]. Die jungen Leute protestieren gegen marode Schulen, Kürzungen bei der Bildung, steigende Lebenshaltungskosten und eine mögliche Wehrpflicht [10]. Ich habe mich zu diesem Aufruf bereits hier geäußert:
Marode Schulen sind keine Erfindung. Ich habe auf dieser Seite mehrfach über Gewalt an Cottbuser Schulen berichtet. Wer jungen Menschen gute Bildung verspricht und ihnen dann bröckelnde Klassenzimmer hinstellt, darf sich über Wut nicht wundern.
Das Vorbild der Proteste ist allerdings Frankreich. Dort kam es Mitte Oktober zu den schwersten Ausschreitungen seit Jahren, Gebäude brannten, Geschäfte wurden geplündert und mehr als 600 Polizisten wurden verletzt [11]. Die Organisatoren in Deutschland lehnen Gewalt ausdrücklich ab [8]. Das Bundesinnenministerium sieht derzeit keine konkreten Gewaltaufrufe, stellt aber fest, dass sich Teile der linksextremistischen Szene und vereinzelt Gruppen aus dem auslandsbezogenen Extremismus an der Mobilisierung beteiligen [10]. Die Gewerkschaft der Polizei sorgt sich, dass gewaltbereite Gruppen die berechtigten Anliegen junger Menschen für ihre Zwecke missbrauchen [10]. Und die Bundesschülerkonferenz ist wegen undurchsichtiger Organisationsstrukturen und der Sorge vor Gewalt teilweise auf Abstand gegangen [8].
Bitte keine Zombie-Nacht in deutschen Innenstädten
Wer Halloween-Filme kennt, kennt die Szene: Die Nacht bricht herein, die Straßen leeren sich, und dann stolpern sie aus allen Ecken hervor, die Zombies. Sie wissen nicht, wohin sie laufen, und sie wissen nicht, wer sie lenkt. Aber sie hinterlassen eingeschlagene Scheiben und rauchende Trümmer. Am Ende bleibt eine Geisterstadt.
Ich wünsche der Gen Z ehrlich, dass ihr heutiger Tag nicht wie ein solcher Film endet. Nicht, weil die jungen Leute Zombies wären, sondern weil es Kräfte gibt, die genau solche Menschenmengen gern fernsteuern würden. Liebe Gen Z, ihr habt euch den Namen „Gen Z regelt“ gegeben. Dann regelt bitte auch, wer neben euch marschiert, wer euch die Parolen schreibt und wer hinterher die Schaufenster einschlägt. Wer sich von Linksextremisten an die Hand nehmen lässt, regelt nichts. Er wird geregelt.
Luther hat vor über 500 Jahren gezeigt, wie Protest geht: mit Argumenten, mit offenem Visier und mit dem eigenen Namen unter den eigenen Thesen. Kein Hammer gegen Schaufenster, sondern höchstens einer gegen eine Kirchentür, und selbst der ist vielleicht nur Legende.
Mein Wunsch für dieses Wochenende
Feiert meinetwegen Halloween, aber vergesst nicht, warum der 31. Oktober bei uns ein Feiertag ist. Haltet morgen an Allerheiligen einen Moment inne. Und an die Bundesregierung gerichtet: Die Forderungen der jungen Generation nach ordentlichen Schulen und einem bezahlbaren Leben gehören nicht nur auf die Straße, sondern auf die Tagesordnung. Wer Schulen verfallen lässt, darf sich nicht wundern, wenn die Jugend ihre eigenen Thesen schreibt. Ich hoffe, sie schreibt sie heute friedlich.
Quellen
[1] evangelisch.de (epd): Pro und Kontra: Halloween feiern, 31.10.2016. https://www.evangelisch.de/inhalte/139783/31-10-2016/pro-und-kontra-halloween-feiern
[2] Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck: Bischof Martin Hein, „Hängt den Kürbis niedriger!“, Fuldaer Zeitung, 29.10.2010. https://ekkw.de/fileadmin/news_import/assets/bischof_101029_halloween_fz.pdf
[3] evangelisch.de (epd): Protestanten auf der ganzen Welt feiern Reformationstag, 31.10.2018. https://www.evangelisch.de/inhalte/153104/31-10-2018/protestanten-auf-der-ganzen-welt-feiern-reformationstag
[4] evangelisch.de: Reformationstag: Ein Feiertag wegen 95 Thesen, die die Welt veränderten, 29.10.2013. https://www.evangelisch.de/inhalte/113454/29-10-2013/reformationstag-ein-feiertag-wegen-95-thesen-die-die-welt-veraenderten
[5] Kathpress: Fragen und Antworten rund um Allerheiligen und Allerseelen. https://redaktion.kathpress.at/goto/meldung/2196790/Fragen_und_Antworten_rund_um_Allerheiligen_und_Allerseelen
[6] Schwäbische Zeitung: Ein Hochfest der katholischen Kirche. https://www.schwaebische.de/sonderthemen/grabpflege-zu-allerheiligen-26737/biberach/ein-hochfest-der-katholischen-kirche-98570
[7] LV 1871: Allerheiligen und Allerseelen: Totengedenken im November. https://www.lv1871.de/magazin/sterben-erben/allerheiligen-und-allerseelen-totengedenken-im-november/
[8] WEB.DE News (Laura Czypull): Gen Z mobilisiert zu Protesten in rund 30 Städten, 30.10.2026. https://web.de/magazine/politik/inland/gen-z-mobilisiert-protesten-30-staedten-42888322
[9] Berliner Zeitung: Berlin ist am Samstag lahmgelegt: Zahlreiche Demonstrationen fluten die Stadt, 28.10.2026. https://www.berliner-zeitung.de/article/demos-in-berlin-am-samstag-10538150
[10] evangelisch.de (epd): Jugendproteste: Bundesregierung würdigt Distanzierung von Gewalt, 28.10.2026. https://www.evangelisch.de/inhalte/260462/28-10-2026/jugendproteste-bundesregierung-wuerdigt-distanzierung-von-gewalt
[11] ZDFheute: „Wie in einem Kriegsgebiet“: Gewalt bei Protesten erschüttert Frankreich, 18.10.2026. https://www.zdfheute.de/politik/ausland/frankreich-proteste-ausschreitungen-gewalt-paris-100.html


