Russische und weißrussische Sportler sollen an internationalen Wettbewerben teilnehmen dürfen. Dafür habe ich mich schon vor gut einem Jahr ausgesprochen, und dabei bleibe ich. Der Streit um die Eishockey-Weltmeisterschaft 2027 in Deutschland zeigt, wie dringend die Eigenständigkeit des Sports verteidigt werden muss. Über die Teilnahme an einem Turnier sollen sportliche Regeln entscheiden, nicht politischer Druck.

Eine Heim-WM steht plötzlich auf der Kippe

Eine Weltmeisterschaft im eigenen Land ist eine besondere Chance. Sie begeistert junge Menschen, bringt Fans aus vielen Nationen zusammen und rückt eine Sportart ins Rampenlicht. Dahinter stehen jahrelange Vorbereitung, erhebliche Investitionen und der Einsatz vieler ehrenamtlicher Helfer.

Die Eishockey-WM im Mai 2027 in Gelsenkirchen, Düsseldorf und Mannheim sollte ein solches Fest werden. Seit der Internationale Sportgerichtshof CAS am 30. Oktober entschieden hat, dass Russland wieder an den Turnieren des Weltverbandes IIHF teilnehmen darf, beherrschen andere Themen die Debatte [1]. Sechs der 16 WM-Teilnehmer, nämlich Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark, Lettland und Tschechien, haben angekündigt, nicht gegen Russland anzutreten. Die IIHF hat ihre Entscheidung über das Teilnehmerfeld daraufhin vertagt [2]. Der Autohersteller Skoda will sein Engagement im Fall einer russischen Teilnahme überprüfen, weitere Sponsoren haben ihren Rückzug angekündigt [3][4]. Der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) schließt nicht mehr aus, die WM zurückzugeben [5]. Und ausgerechnet die Ukraine könnte als schlechter platzierter Aufsteiger ihren Platz verlieren, wenn Russland ins Turnier zurückkehrt [2].

Am 6. November hat sich nun auch die Bundesregierung festgelegt. Regierungssprecher Stefan Kornelius erklärte nach Gesprächen mit DEB, IIHF und dem Deutschen Olympischen Sportbund, eine WM mit russischer Beteiligung sei wegen der Ablehnung anderer Nationen sowie von Wirtschafts- und Medienpartnern sportlich und wirtschaftlich „faktisch unmöglich“ [4]. Die Folgen dieses politischen Streits tragen am Ende Athleten, Veranstalter und Zuschauer.

Meine Überzeugung gilt weiter

Bereits am 12. Oktober 2025 habe ich in meinem Beitrag „Sport verbindet – Ausgrenzung ist der falsche Weg“ begrüßt, dass das Internationale Paralympische Komitee russische und weißrussische Athleten wieder zulässt. Damals habe ich geschrieben: „Sport sollte über politischen Konflikten stehen.“ [6] Diese Überzeugung gilt auch heute.

Athleten arbeiten jahrelang auf einen Wettkampf hin. Sie trainieren, verzichten und richten große Teile ihres Lebens danach aus. Ein pauschaler Ausschluss wegen ihrer Herkunft wird dieser Leistung nicht gerecht. Wer gegen Regeln verstößt, muss Konsequenzen tragen, und dafür gibt es sportrechtliche Verfahren. Die Staatsangehörigkeit allein darf aber keinen Ausschluss begründen.

Sportverbände müssen unabhängig entscheiden

Sportverbände tragen Verantwortung für faire Wettkämpfe. Sie legen Regeln fest, kontrollieren deren Einhaltung und sorgen für gleiche Bedingungen. Daran müssen sich ihre Entscheidungen messen lassen.

Wenn Regierungen vorgeben, welche Mannschaften antreten dürfen, oder Verbände durch politischen Druck zu Ausschlüssen gedrängt werden, verliert der Sport seine Unabhängigkeit. Mein Maßstab ist deshalb eindeutig: Das Handeln der Verbände muss dem Sport dienen. Zu ihren Aufgaben gehören sportliche Qualifikation, nachvollziehbare Zulassungsregeln, wirksame Dopingkontrollen und die Sicherheit der Teilnehmer. Außenpolitische Ziele gehören nicht dazu. Dieser Grundsatz muss für jedes Land gelten, ganz gleich, welches gerade im Mittelpunkt eines Konflikts steht.

Ein Urteil verdient Verlässlichkeit

Der CAS hat die Ausschlüsse der IIHF für die Saison 2026/27 aufgehoben. Das Schiedsgericht kam einstimmig zu dem Ergebnis, dass die vom Weltverband angeführten Sicherheitsbedenken nicht ausreichend belegt waren [1][7]. Die IIHF zeigte sich enttäuscht, erklärte aber, die Autorität des CAS zu respektieren und nach dem Urteil zu handeln [8]. Nach einer Ratssitzung bekräftigte sie am 4. November dennoch ihre Ablehnung und verwies unter anderem auf Visa- und Einreisefragen [9]. Der CAS hat sein Urteil am 5. November noch einmal verteidigt: Der Weltverband habe keine Beweise vorgelegt, die einen Ausschluss rechtfertigen würden [10].

Das Urteil betrifft allein Russland. Für Weißrussland gilt der Ausschluss von der Männer-WM nach dem Beschluss der IIHF vom Juli weiter [1][11]. Mein Maßstab gilt auch hier.

Wer sportgerichtliche Verfahren als Teil der internationalen Sportordnung anerkennt, muss auch Ergebnisse umsetzen, die ihm nicht gefallen. Gerade das geschieht derzeit nicht. Statt ein klares Urteil umzusetzen, suchen Verbände und Regierungen nach Wegen, es zu umgehen. Athleten müssen sich aber darauf verlassen können, dass ihre Teilnahme auf Regeln beruht und nicht davon abhängt, wer gerade den größten öffentlichen Druck erzeugt.

Boykottdrohungen schaden dem Wettbewerb

Werden einzelne Spiele verweigert, entstehen Probleme für Spielplan, Wertung und die Gleichbehandlung der übrigen Mannschaften. Fallen Sponsoren weg, steigen die finanziellen Risiken. Betroffen sind nicht nur Verbandsspitzen, sondern auch Beschäftigte, Dienstleister, ehrenamtliche Helfer und Fans.

Wie weit die Politisierung inzwischen reicht, zeigt Kanada. Premierminister Mark Carney hat erklärt, russische Mannschaften würden bei der U20-WM im Dezember in Alberta trotz des Urteils nicht antreten [12]. Damit entscheidet nicht mehr der Sport, wer spielen darf, sondern die Regierung des Gastgeberlandes.

Ich halte es für den falschen Weg, die Zusammensetzung eines Turniers durch Boykottdrohungen und Einreiseverbote bestimmen zu lassen. Wer sportlich qualifiziert und nach den geltenden Regeln zugelassen ist, soll antreten können. Die Verbände tragen Verantwortung für den gemeinsamen Wettbewerb und sollten Konflikte im Rahmen der Sportordnung austragen.

Die Bundesregierung macht es sich zu einfach

Die Bundesregierung will nach eigenen Worten den DEB unterstützen und ausloten, wie das Turnier dennoch stattfinden kann [4]. Das ist richtig. Falsch ist aber der Ausgangspunkt. Wer eine WM mit Russland für „faktisch unmöglich“ erklärt, macht den Druck der Boykotteure zur Richtschnur und stellt sich gegen ein rechtskräftiges Sportgerichtsurteil.

Deutschland sollte stattdessen ein verlässlicher Gastgeber sein. DEB, Austragungsorte und Behörden müssen jetzt eng zusammenarbeiten: Sicherheitskonzepte abstimmen, organisatorische Probleme lösen, finanzielle Risiken offenlegen und rasch Klarheit für alle Beteiligten schaffen. Bei Einreisefragen braucht es nachvollziehbare Entscheidungen auf geltender rechtlicher Grundlage. Konkrete Gefahren im Einzelfall sind zu prüfen. Visa dürfen aber nicht dazu dienen, eine sportrechtlich zugelassene Mannschaft aus politischen Gründen vom Wettbewerb fernzuhalten. Die Politik soll die Voraussetzungen schaffen, damit der Sport seinen Wettbewerb austragen kann. Die sportlichen Entscheidungen gehören zu den Verbänden und ihren Gerichten.

Eine Rückgabe der WM wäre ein schwerwiegender Schritt. Vorher müssen alle Möglichkeiten einer Durchführung gründlich geprüft werden. Die jahrelange Arbeit der Organisatoren und die Vorfreude der Fans verdienen diesen Einsatz.

Gewichtheber-WM 2030: Gleiche Maßstäbe für jeden Bewerber

Auch die Vergabe der Gewichtheber-WM 2030 nach Moskau hat Kritik ausgelöst. Der Weltverband IWF hat sie am 25. Oktober bekanntgegeben [13]. Der Bundesverband Deutscher Gewichtheber (BVDG) sieht darin angesichts des andauernden Krieges ein problematisches sportpolitisches Signal [14].

Entscheidend sollte sein, ob ein Gastgeber die Anforderungen an eine Weltmeisterschaft erfüllt: geeignete Wettkampfstätten, verlässliche Organisation, wirksame Dopingkontrollen, sichere Bedingungen und ein fairer Zugang für alle teilnahmeberechtigten Delegationen. Das muss der Weltverband prüfen und sicherstellen, nach demselben Maßstab für jeden Bewerber.

Bis 2030 kann sich vieles ändern. Auch der BVDG will zu gegebener Zeit eine umfassende Neubewertung vornehmen [14]. Eine fortlaufende Prüfung ist richtig. Politische Erwartungen dürfen sie aber nicht ersetzen.

Begegnung braucht Mut

Internationale Wettkämpfe bringen Menschen zusammen, deren Staaten unterschiedliche Interessen verfolgen und teils in schweren Konflikten stehen. Gerade darin liegt ein besonderer Wert des Sports. Auf dem Spielfeld gelten für alle dieselben Regeln, und es entscheiden Leistung, Vorbereitung und Mannschaftsgeist. Diese gemeinsame Grundlage zu bewahren, verlangt unabhängige Verbände, verlässliche Verfahren und den Mut, dem Druck zur Ausgrenzung zu widerstehen.

Ich setze mich deshalb weiter für die Teilnahme russischer und weißrussischer Sportler ein. Deutschland sollte sich als verlässlicher Gastgeber zeigen und auf eine faire, sichere und sportlich überzeugende Eishockey-WM 2027 hinarbeiten. Sportverbände müssen dem Sport dienen, und die Politik muss das respektieren.

Quellen

[1] Associated Press: Russia is back in the ice hockey world championships after sports court ruling, 30.10.2026. https://www.clickondetroit.com/sports/2026/10/30/russia-is-back-in-the-ice-hockey-world-championships-after-sports-court-ruling/

[2] Berliner Zeitung: Nach Boykott-Welle: Weltverband vertagt Russland-Entscheidung zur Eishockey-WM, November 2026. https://www.berliner-zeitung.de/article/nach-boykott-welle-weltverband-vertagt-russland-entscheidung-zur-eishockey-wm-10559173

[3] Al Jazeera: Ice hockey federation reiterates opposition to reinstatement of Russia, 04.11.2026. https://www.aljazeera.com/sports/2026/11/4/ice-hockey-federation-reiterates-opposition-to-reinstatement-of-russia

[4] Sportschau (sid): Bundesregierung zur Wiederzulassung: Eishockey-WM mit Russland „faktisch unmöglich“, 06.11.2026. https://www.sportschau.de/eishockey/wm/eishockey-wm-mit-russland-faktisch-unmoeglich,eishockey-wm-russland-bundesregierung-100.html

[5] Volksstimme (dpa): Nach Zulassung Russlands: DEB und Weltverband vor Problemen, 01.11.2026. https://www.volksstimme.de/sport/nach-zulassung-russlands-deb-und-weltverband-vor-problemen-4348615

[6] Lars Schieske: Sport verbindet – Ausgrenzung ist der falsche Weg, 12.10.2025. https://lars-schieske.de/fokusbeitrag/sport-verbindet-ausgrenzung-ist-der-falsche-weg/

[7] The Kyiv Independent: Controversial court ruling paves way for Russia’s return to world ice hockey as Canada, European nations push back, Oktober 2026. https://kyivindependent.com/russia-set-to-return-to-international-hockey-tournaments-after-top-sports-courts-ruling/

[8] International Ice Hockey Federation (IIHF): IIHF statement on CAS decision, 30.10.2026. https://www.iihf.com/en/news/76707/iihf_statement_on_cas_decision

[9] International Ice Hockey Federation (IIHF): IIHF statement, 04.11.2026. https://www.iihf.com/en/news/76736/iihf_statement

[10] Sportschau: Wiederzulassung Russlands: Sportgerichtshof sieht Versäumnisse beim Eishockey-Verband, 05.11.2026. https://www.sportschau.de/eishockey/wm/sportgerichtshof-sieht-versaeumnisse-beim-eishockey-verband,cas-verteidigt-russland-entscheidung-100.html

[11] Berliner Zeitung: Eishockey-WM in Deutschland: Russland trotz IOC-Kurswechsel weiter ausgeschlossen, Juli 2026. https://www.berliner-zeitung.de/article/russland-bleibt-von-eishockey-wm-2027-in-deutschland-ausgeschlossen-10252287

[12] The Globe and Mail: Russian teams won’t compete in Canadian-hosted events, including world juniors, Carney says, November 2026. https://www.theglobeandmail.com/sports/hockey/article-russia-carney-world-juniors-edmonton-red-deer/

[13] Reuters (via The Star): Weightlifting-Moscow to host 2030 World Weightlifting Championships, IWF says, 25.10.2026. https://www.thestar.com.my/sport/others/2026/10/25/weightlifting-moscow-to-host-2030-world-weightlifting-championships-iwf-says

[14] Volksstimme (dpa): WM 2030: Gewichtheber-Verband kritisiert WM-Vergabe nach Russland, 29.10.2026. https://www.volksstimme.de/sport/gewichtheber-verband-kritisiert-wm-vergabe-nach-russland-4347285 (

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Alles Gute zum Schulanfang wünscht euch Lars Schieske.

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