EU-Reform beschlossen – doch Deutschlands Führerscheinproblem bleibt ungelöst
Das Europäische Parlament hat die Reform der EU-Führerscheinregeln beschlossen.1 Vorgesehen sind unter anderem ein digitaler Führerschein, neue Vorgaben für Fahranfänger und eine stärkere grenzüberschreitende Durchsetzung von Fahrverboten. Damit wird der Führerschein in Europa formell modernisiert. Das eigentliche Problem in Deutschland bleibt jedoch bestehen: Der Führerschein ist hierzulande über Jahre immer teurer geworden, die Ausbildung dauert länger, und die Kapazitäten in Fahrschulen und Prüfstellen stehen unter Druck.
Genau hier liegt der Kern des Problems: Eine europäische Digitalreform beseitigt keine deutschen Strukturprobleme. Weder sinken dadurch die Kosten, noch verschwinden der Fahrlehrermangel, die längeren Ausbildungszeiten oder die starren Pflichtvorgaben. Wer die Lage ernsthaft verbessern will, muss die Ursachen in Deutschland offen benennen und politisch beheben.
Was die EU beschlossen hat
Mit der Reform sollen die Führerscheinregeln in der Europäischen Union weiter vereinheitlicht werden.1 Dazu gehören der digitale Führerschein als künftiges Standardformat, eine europaweite Probezeit von mindestens zwei Jahren für Fahranfänger, neue Ausbildungsinhalte etwa zu Assistenzsystemen und Smartphone-Ablenkung sowie strengere Mechanismen bei schweren Verkehrsverstößen im EU-Ausland.
Für Pkw und Motorräder ist zudem grundsätzlich eine Gültigkeitsdauer von 15 Jahren vorgesehen.2 Die Mitgliedstaaten erhalten nach dem Inkrafttreten Zeit für die nationale Umsetzung. Das bedeutet: Der politische Rahmen kommt aus Brüssel, die Folgen für Bürger und Behörden zeigen sich später in den Mitgliedstaaten.
Deutschlands Führerschein wird immer teurer
Die Kosten für den Pkw-Führerschein haben in Deutschland ein Niveau erreicht, das für viele junge Menschen zur echten Belastung geworden ist. Nach Angaben der Bundesregierung kostete der Erwerb der Fahrerlaubnis Klasse B im Jahr 2024 durchschnittlich 3.424 Euro.3 In Hamburg lagen die Durchschnittskosten bei rund 4.151 Euro, in Sachsen bei 3.762 Euro. Selbst in den günstigeren Ländern blieb der Führerschein teuer: In Berlin wurden im Durchschnitt 2.425 Euro fällig, in Nordrhein-Westfalen 3.149 Euro.
Hinzu kommt, dass die Preise zuletzt deutlich stärker gestiegen sind als die allgemeinen Verbraucherpreise. Für 2024 nennt das Statistische Bundesamt einen Anstieg der Führerscheinkosten um 5,8 Prozent, während die allgemeinen Verbraucherpreise im selben Zeitraum um 2,2 Prozent zulegten.11 Das zeigt: Der Führerschein verteuert sich nicht nur, er entkoppelt sich zunehmend vom allgemeinen Preisniveau.
Deutschland im EU-Vergleich: Strukturell zu teuer
Deutschland liegt bei den Führerscheinkosten im europäischen Vergleich an der Spitze.5 In Frankreich kostet der Führerscheinerwerb zwischen 1.200 und 1.800 Euro, in Spanien 800 bis 1.300 Euro, in Italien 1.000 bis 1.500 Euro, in den Niederlanden 1.500 bis 2.000 Euro. Selbst wenn man in Deutschland von einem perfekten Fahrschüler mit null Übungsstunden ausgeht, liegen die Mindestkosten bei rund 1.605 Euro und damit bereits am oder über dem oberen Ende der Preisspanne im europäischen Vergleich.
Das zeigt: In Deutschland liegt ein strukturelles Problem vor.5 Die Akteure im Verfahren zur Erlangung der Fahrerlaubnis, also Fahrschulen, kommunale Behörden, TÜV, DEKRA und nicht zuletzt der Gesetzgeber selbst, spielen bei der Preisbildung eine wesentliche Rolle. Wo feste Pflichtbestandteile gesetzlich geregelt sind, lässt sich der Führerschein nicht flexibel oder schlank organisieren. Jede vorgeschriebene Einheit ist ein fester Kostenblock.
Der größte strukturelle Kostentreiber: Personalmangel
Der stärkste strukturelle Kostentreiber ist der Mangel an Fahrlehrern und die daraus folgende Knappheit von Ausbildungskapazitäten. Der MOVING-Branchenreport 2025 beziffert den Fahrlehrermangel für die Führerscheinklasse B auf über 5.400 offene Stellen.10 Gleichzeitig sinkt die Anzahl der Fahrschulen seit Jahren kontinuierlich: von 12.733 im Jahr 2010 über 11.407 im Jahr 2015 auf nur noch 10.275 Fahrschulen im Jahr 2023.
Das hat direkte wirtschaftliche Folgen. Wenn Fahrstunden knapp sind, steigen die Preise. Wenn Ausbildungsplätze nicht ausreichen, verlängert sich der Weg bis zur Prüfung. Wenn freie Stellen nicht besetzt werden können, steigen die Belastungen für vorhandene Betriebe und damit auch die Kosten.10 Der Fahrlehrermangel ist deshalb nicht nur ein Personalproblem, sondern der zentrale Hebel, über den sich die gesamte Preisspirale weiterdreht.
Auch die Prüfungsorganisation verteuert das System
Ein zusätzlicher Kostentreiber liegt in der Struktur der praktischen Prüfung. Im Januar 2021 wurde die Dauer der praktischen Prüfung für die Führerscheinklasse B von 45 auf 55 Minuten verlängert.7 Der TÜV-Verband und der Deutsche Verkehrssicherheitsrat erklären dazu übereinstimmend, dass sich die Prüfungsdauer um insgesamt zehn Minuten verlängert hat.
Diese Verlängerung ist nicht folgenlos. Wenn jede Prüfung mehr Zeit beansprucht, sinkt die Zahl der möglichen Prüfungen pro Tag um rund 20 Prozent.5 Weniger verfügbare Termine bedeuten mehr Druck auf das System. Mehr Druck im System führt zu längeren Wegen bis zum Prüfungstermin, und längere Wege bis zum Prüfungstermin verursachen häufig zusätzliche Fahrstunden und damit zusätzliche Kosten. Die Prüfungsorganisation ist damit selbst zu einem preisrelevanten Faktor geworden.
Hinzu kommt, dass die Durchfallquote bei der theoretischen Fahrerlaubnisprüfung seit Jahren steigt.5 2020 sind bei Erst- und Wiederholungsprüfungen zusammen 34 Prozent der Prüfungen über alle Klassen nicht bestanden worden, 2024 bereits 41 Prozent. Bei der Theorieprüfung der Klasse B liegt die Durchfallquote inzwischen bei nahezu 50 Prozent. Jede nicht bestandene Prüfung bedeutet weitere Übungsstunden, weitere Kosten und eine längere Gesamtdauer bis zum Führerschein.
Unsere Position: Der Führerschein muss bezahlbar werden
Wir als AfD-Bundestagsfraktion haben das Problem klar benannt und konkrete Lösungen vorgelegt.4, 5 Der Führerscheinerwerb ist in Deutschland mit durchschnittlich über 3.400 Euro im EU-Vergleich an der Spitze und beeinträchtigt vor allem im ländlichen Raum Mobilität, Ausbildung und Jobchancen massiv. Die Pkw-Fahrerlaubnis ist eine wichtige Grundlage für gesellschaftliche Teilhabe und wirtschaftlichen Wohlstand. Ohne Führerschein ist in vielen Regionen Schicht- und Randzeitenarbeit nicht möglich. In der Folge bleiben Arbeitssuchende im Leistungsbezug, Ausbildungsplätze unbesetzt, weiterführende Schulbesuche ungenutzt, obwohl Arbeits- und Ausbildungsplätze vorhanden wären.
Mit unserem Antrag in der Bundestagsdrucksache 21/3558 fordern wir ein umfassendes Maßnahmenpaket, das an den Ursachen ansetzt und den Führerschein wieder bezahlbar macht.5, 6
Unsere Forderungen im Einzelnen
1. Finanzierung: Führerschein für 1 Euro pro Tag
Wir fordern ein zinsfreies KfW-Kleinkreditprogramm nach französischem Vorbild „Permis à 1 Euro par jour“ für 15- bis 25-Jährige.5, 6 Jugendliche und junge Erwachsene sollen die Möglichkeit erhalten, einen zinsfreien Kleinkredit mit einem Volumen von bis zu 4.500 Euro aufzunehmen, bei dem Zinsen, Risiko-, Bearbeitungs- und Abwicklungskosten aus Bundesmitteln getragen werden. Die Tilgung erfolgt mit einem Euro pro Tag, also einer monatlichen Regelrate von 30 Euro. Zusätzlich soll ein einmaliges Ergänzungsdarlehen in Höhe von 300 Euro für die Wiederholung der praktischen Prüfung möglich sein.
Frankreich hat dieses Programm bereits 2005 eingeführt.5 Dort zeigen sich nicht nur spürbare beschäftigungsnahe Effekte, sondern auch höhere Erfolgsquoten in den Führerscheinprüfungen. Mobilität ist eine zentrale Voraussetzung für Ausbildungs- und Erwerbsfähigkeit, aber ohne Förderung oftmals unerschwinglich.
2. Rückkehr zur 45-minütigen praktischen Fahrprüfung
Die Verlängerung der praktischen Prüfung von 45 auf 55 Minuten im Januar 2021 hat ihren eigentlichen Zweck nicht erfüllt und negative Auswirkungen gehabt, darunter eine Erhöhung der Durchfallquote.5 Eine Rückkehr zu 45 Minuten würde rund 20 Prozent mehr Prüfungsplätze zur Verfügung stellen und die Kosten für die praktische Fahrprüfung für die Prüflinge reduzieren. Mit der Rückabwicklung dieser falschen Entscheidung ist eine Entlastung der Prüfungssituation zu erwarten.
3. Auflösung der Prüforganisationsmonopole
Wir fordern die Aufhebung der Alleinbeauftragung von nur einer Prüforganisation für die Fahrerlaubnisprüfung im Kraftfahrsachverständigengesetz.5 Den Ländern muss ermöglicht werden, mehrere Prüforganisationen für die Abnahme der Fahrerlaubnisprüfung zuzulassen. Das erhöht die Prüfkapazitäten und senkt die Kosten.
4. Überarbeitung der theoretischen Fahrschulprüfung
Die Durchfallquote bei der Theorieprüfung ist zu hoch und muss gesenkt werden, ohne die Qualitätsstandards aufzugeben.5 Wir fordern eine grundsätzliche Überarbeitung des Fragenkatalogs mit deutlicher Reduzierung der Gesamtzahl der Fragen, die Entfernung irreführender Antwortmöglichkeiten, die Fehlermitteilung an gescheiterte Prüflinge nach nicht bestandener Prüfung sowie einen kostenlosen Zugang zum jeweils aktuellen amtlichen Fragenkatalog auf der Homepage des Bundesverkehrsministeriums.
5. Digitale Lernangebote und Fahrsimulatoren
Im Sinne kostensparender und zeitflexibler Ausbildung fordern wir die Möglichkeit, den Theorieunterricht als Kombination von Präsenzunterricht und digitalem Lernen durchzuführen.5 Vollständiger Präsenzunterricht soll weiterhin möglich sein. Zudem müssen Regelungen für den rechtssicheren Einsatz von Fahrsimulatoren geschaffen werden.
6. Digitalisierung des Antragsverfahrens
Das Antragsverfahren für Führerscheine und die Zulassung zu Prüfungen muss weiter digitalisiert werden, um den bürokratischen Aufwand und die Kosten deutlich zu senken.5
7. Reform der Fahrlehrerausbildung
Wir fordern eine Reform der Fahrlehrerausbildung, um Umfang und hohe Kosten zu senken und die Ausbildung für Quereinsteiger attraktiver zu machen.5 Eine flexiblere und kostengünstigere Ausbildung würde sowohl Quereinsteigern als auch jungen Menschen die Möglichkeit bieten, in diesem wichtigen Berufsfeld Fuß zu fassen und so langfristig die Qualität der Fahrausbildung in Deutschland sicherzustellen.
8. Abbau bürokratischer Hürden für Fahrschulen
Bestehende Normen und bürokratische Hürden, die die Gründung und den Betrieb von Fahrschulen erschweren, müssen überprüft und abgebaut werden.5 Ziel ist, den rückläufigen Trend der Anzahl der Fahrschulen zu stoppen und durch Bürokratieabbau die Angebotsseite zu stärken, damit mehr Bürger Fahrschulen gründen und betreiben können.
9. Frühe Verkehrserziehung in Schulen
Wir fordern, bei den Ländern dafür zu werben, eine frühe Verkehrserziehung im schulischen Lehrplan einzuführen, um den Vorkenntnisstand für das System Straßenverkehr zu erhöhen und mehr Verkehrskompetenz bereits im jungen Alter zu schaffen.5 Nach Aussage von Sachverständigen kommen viele Fahrschüler mit einem sehr geringen Vorkenntnisstand in die Fahrschule. Was den Führerschein dann teuer macht, sind die Übungsstunden. Es gibt Fahrschüler mit 10 oder 12 Übungsstunden, aber auch Fahrschüler, die teilweise über 100 Übungsstunden absolvieren müssen und bei denen der Führerschein am Ende 7.500 oder 8.000 Euro kostet.
Fazit
Die EU-Reform bringt neue Regeln und neue digitale Formate. Deutschlands Führerscheinproblem löst sie nicht. Die eigentlichen Ursachen liegen im Inland: zu viele Pflichtvorgaben, zu wenig Personal, längere Prüfungsabläufe, hohe Ausbildungskosten und ein System, das auf steigende Nachfrage nicht flexibel genug reagiert.
Wenn Deutschland verhindern will, dass Mobilität zum Luxus wird und junge Menschen bei Ausbildung, Arbeit und Alltag ausgebremst werden, dann braucht es endlich eine Führerscheinpolitik mit Realitätssinn. Der Führerschein darf in einem Industrieland nicht zum überteuerten Nadelöhr werden. Damit Deutschland als Nation nicht weiter an Beweglichkeit, Leistungsfähigkeit und Wettbewerbsstärke verliert, müssen Kosten runter, Verfahren schlanker und Kapazitäten endlich hochgefahren werden.
Wir als AfD-Bundestagsfraktion haben dazu konkrete Vorschläge vorgelegt. Jetzt liegt es an der Bundesregierung und den anderen Fraktionen, diese Vorschläge ernsthaft zu prüfen und endlich zu handeln.
Quellen
- Europäisches Parlament, „Road safety: deal for modern EU driving licence rules“ https://www.europarl.europa.eu/news/en/press-room/20250324IPR27462/road-safety-deal-for-modern-eu-driving-licence-rules
- Europäisches Parlament, „Modernising EU driving rules to increase road safety“ https://www.europarl.europa.eu/news/en/press-room/20251016IPR30947/modernising-eu-driving-rules-to-increase-road-safety
- Deutscher Bundestag, „Kosten für Führerschein Klasse B“ https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1104586
- Deutscher Bundestag, hib-Meldung „AfD will Kosten für den Führerscheinerwerb deutlich senken“ https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1136278
- Deutscher Bundestag, Drucksache 21/3558 „Führerschein für 1 Euro – Bezahlbarer Führerschein für Ausbildung und Arbeit“ https://dserver.bundestag.de/btd/21/035/2103558.pdf
- AfD-Bundestagsfraktion, „Führerschein für 1 Euro – Bezahlbarer Führerschein für Ausbildung und Arbeit“ https://afdbundestag.de/fuehrerschein-fuer-1-euro-bezahlbarer-fuehrerschein-fuer-ausbildung-und-arbeit/
- TÜV-Verband, „Änderungen der praktischen Fahrerlaubnisprüfung ab Januar 2021“ https://www.tuev-verband.de/pressemitteilungen/aenderungen-der-praktischen-fahrerlaubnispruefung-ab-2021
- Deutscher Verkehrssicherheitsrat, „Optimierung der Praktischen Fahrerlaubnisprüfung“ https://www.dvr.de/aktuelle-infos/optimierung-der-praktischen-fahrerlaubnispruefung
- Deutscher Bundestag, „Debatte zu Kosten für den Autoführerschein“ https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2024/kw11-de-autofuehrerschein-988628
- MOVING, „Branchenaussichten 2025“ https://www.moving-roadsafety.com/wp-content/uploads/2025/03/Final_Branchenaussichten-2025.pdf
- Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung zur Preissteigerung Führerschein https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2025/PD25_15_p002.html


