CDU weit weg von der Lebensrealität der Menschen

Viele Wirtschaftsbranchen in Deutschland leiden mittlerweile unter einem alarmierenden Fachkräftemangel. Verantwortlich dafür sind viele Faktoren, unter anderem der politisch über Jahrzehnte hinweg ignorierte demographische Wandel und die massenhafte Abwanderung vor allem hochqualifizierter Deutscher ins Ausland.

Statt eine Willkommenskultur für Kinder und für Heimkehrer in Gang zu setzen, war das vermeintliche Allheilmittel zur Bekämpfung des Fachkräftemangels bislang das Mantra von der qualifizierten Einwanderung. Doch anstelle der erhofften Leistungsträger kamen insbesondere Leistungsbezieher. Deren Leistungen wollen erwirtschaftet und bezahlt werden, eine zusätzliche Belastung für „die schon länger hier Lebenden“.

Weil die Strategie mit der Anwerbung von Talenten bislang nur mäßig gut funktioniert, hat man sich im politischen Berlin nun etwas Neues überlegt: Man könnte die, die schon hier arbeiten, einfach so lange kritisieren und maßregeln, bis sie mehr arbeiten.

Angeblich machen die Deutschen zu oft krank

Ein Beispiel dafür ist der Vorstoß von Bundeskanzler Friedrich Merz und seiner Gesundheitsministerin Nina Warken, die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung wieder abzuschaffen. Sie lade zum „Blaumachen“ ein, ein Grund für die nicht wirklich wachsende Wirtschaft sei, dass die Menschen in unserem Land zu oft und zu lange krank seien [1]. 

Bemerkenswerterweise wurde die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung in der Corona-Zeit eingeführt, um Ansteckungsmöglichkeiten zu reduzieren und die Arztpraxen zu entlasten [2]. Warum das nun nicht mehr so sein soll, bleibt das Geheimnis der Bundesregierung.

Dieser Vorstoß ist nicht nur ein Pauschalverdacht gegen Patienten, die ihre Krankheit lieber schnell auskurieren wollen. Er ist auch ein Misstrauensvotum gegen Ärzte, denen dadurch indirekt unterstellt wird, dass sie leichtfertig Krankschreibungen vornehmen würden.

Quantitativ fallen telefonische Krankschreibungen nicht ins Gewicht. Beispielhafte Daten des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung vom Oktober 2025 haben ergeben, dass telefonische Krankmeldungen nur 0,9 Prozent aller Krankheitsfälle ausmachen [2]. Der Fehlzeiten-Report der AOK zeigt für die letzten Jahre keinen nennenswerten Anstieg an Krankmeldungen [1]. 

Das von Merz kritisierte Ausmaß an Krankentagen ist nicht belastbar, weil dafür sowohl der internationale als auch der zeitliche Vergleich fehlt. Nur wenige andere Länder erfassen den Krankenstand systematisch, auch in Deutschland gibt es eine hundertprozentige Erfassung erst seit 2022/2023 [1]. 

CDU verhöhnt Teilzeitarbeit als „Lifestyle“

Ein anderer Vorwurf an große Teile unseres Volkes kommt vom Wirtschaftsflügel der CDU. Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) will auf dem kommenden Bundesparteitag einen Antrag mit dem Titel „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“ stellen [3]. Der Fachkräftemangel liege auch daran, dass viele Menschen aus Lifestyle-Gründen in Teilzeit arbeiten [4].

Auch hier bleibt es nicht beim Vorwurf, es wird damit sogleich die Forderung verbunden, den Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit einzuschränken und nur noch unter ganz bestimmten Umständen zuzulassen [4].

Die Teilzeitquote lag bei sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Jahr 2025 bei rund 40 Prozent [3]. Das ist zwar ein Rekordwert, führt aber nach Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nicht dazu, dass das Arbeitsvolumen insgesamt gesunken ist [5]. Der Anstieg hat aber vor allem damit zu tun, dass mehr Menschen in Branchen mit traditionell hoher Teilzeitquote (Gesundheit, Pflege, Erziehung) arbeiten und dass mehr ältere Arbeitnehmer länger arbeiten [5].

Der Wirtschaftsminister Schleswig-Holsteins, Claus Ruhe Madsen, begrüßt die von seinen Parteikollegen angestoßene Debatte und macht gleich noch eine weitere, angebliche Gerechtigkeitslücke auf: „Wer derzeit anlasslos für 2.000 Euro brutto in Teilzeit arbeitet, hat den gleichen Anspruch aus der gesetzlichen Krankenkasse wie sein Vollzeit-Kollege mit 4.000 Euro Bruttoverdienst, der obendrein auch noch mehr Steuern zahlt. Diese Unwucht sollten wir uns vielleicht nicht länger leisten“ [6]. Denkt man diese Sätze weiter, fragt man sich zwangsläufig, ob in der CDU schon über ein Zweiklassen-Gesundheitssystem gegrübelt wird, das die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherungen anhand des Einkommens und der geleisteten Arbeitszeit bemisst.

Bei dieser Diskussion um die Teilzeit-Arbeit schwingt ebenfalls die Vorhaltung mit, ein erheblicher Teil der Bürger sei faul. Doch dieser Vorwurf geht weit an der Lebensrealität der Menschen vorbei. Viele Arbeitnehmer reduzieren z. B. ihre Arbeitszeit für die Betreuung der Kinder. Auch nimmt die Pflege von Angehörigen viel Zeit in Anspruch, was mit einer Vollzeittätigkeit oft nicht vereinbar ist. Häufig wäre die Alternative, dass die Betroffenen ganz aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, was dem Kampf gegen den Fachkräftemangel einen Bärendienst erweisen würde.

Der Marburger Bund stellt darüber hinaus für die Gesundheitsbranche fest, dass Teilzeit häufig das letzte Mittel ist, um permanenter Überlastung und einem Burnout zu entgehen [4]. Ähnlich argumentiert der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe, der in Teilzeit kein Wohlstandsproblem, sondern eine Schutzreaktion auf Überlastung, Schichtdienst und fehlende Planbarkeit sieht [7].

Die Bürger brauchen keine Belehrungen

Und abgesehen von diesen oft zwingenden Gründen für Teilzeit stellt sich auch die Frage: Wer ist die CDU, dass sie glaubt, den Menschen vorschreiben zu können, wie viel und wie lange sie arbeiten? Viele Menschen kombinieren mehrere Teilzeittätigkeiten miteinander, andere wiederum üben neben einer Teilzeitanstellung noch eine selbständige Tätigkeit aus. Wieder andere absolvieren neben ihrer Teilzeittätigkeit ein Studium oder eine berufliche Weiterbildung. Millionen Bürger gehen einer unbezahlten, aber systemrelevanten ehrenamtlichen Tätigkeit nach und verzichten daher bewusst auf eine Vollzeitstelle. Sie alle fallen aber in die oben genannte Teilzeitquote und werden nun von der Politik verhöhnt. Alles nur „Lifestyle“?

Wollen wir wirklich in einem Staat leben, in dem die Politik den Bürgern vorschreibt, wie lange sie arbeiten? Wenn Politiker Millionen Bürgern vorwerfen, dass sie „blau machen“ und dass sie einen Teilzeit-„Lifestyle“ pflegen, dann zeigt das vor allem, wie weit sie sich mental von der Lebensrealität der Menschen entfernt haben.  

Wenn schon darüber diskutiert wird, wie man den Fachkräftemangel bekämpft und das dahinsiechende Wirtschaftswachstum wieder ins Laufen bringt, dann sollte man faire und gerechte Anreize setzen. Weniger Steuern und Abgaben, mehr Netto vom Brutto, Arbeit muss sich wieder lohnen – das bleiben aber Phrasen in Sonntagsreden, wenn sich mit unseren Steuern und Sozialabgaben weiterhin um die ganze Welt gekümmert wird.

Quellenverzeichnis

[1] „“Kranke an den Pranger gestellt“: Gesundheitsexperte kritisiert Merz-Aussage“, www.mdr.de, 20. Januar 2026
[2] „Telefonische Krankschreibung: Hausärztin von der Mosel warnt vor Abschaffung“, www.swr.de, 26. Januar 2026
[3] „Debatte um Teilzeit: NRW-Minister Laumann widerspricht CDU-Kollegen“, www.1.wdr.de, 26. Januar 2026
[4] „“Lifestyle-Teilzeit“ abschaffen? Kritik aus Niedersachsen“, www.ndr.de, 27. Januar 2026
[5] „Wie es um die Teilzeit in Deutschland steht“, www.tagesschau.de, 26. Januar 2026
[6] „Teilzeit-Debatte: Madsen sieht Gerechtigkeitslücke“, www.abendblatt.de, 29. Januar 2026
[7] „Pflegeverband: Teilzeit auch Schutzreaktion auf Überlastung und Schichtdienst“, www.deutschlandfunk.de, 27. Januar 2026

Wie bewertest du den CDU Vorschlag?

Gut durchdacht. Keine Ahnung. Völlige Realitätsverweigerung.

Teile Dich mit! Teile es im Web!

Ähnliche Artikel

Newsletter abonieren und informiert bleiben.