Carbon Leakage. Deutschland verbessert seine Klimabilanz, indem es seine Industrie exportiert (6/7)

Deutschlands CO₂-Emissionen sinken. Was die Statistik aber nicht zeigt, ist, dass ein erheblicher Teil dieses Rückgangs nicht dadurch entsteht, dass weniger emittiert wird, sondern dadurch, dass die Emissionen ins Ausland verschoben wurden. Das ist kein Rückgang. Das ist eine Umbuchung.

Was Carbon Leakage bedeutet

Carbon Leakage bezeichnet das Phänomen, dass CO₂-Emissionen aus einer strengen Regulierungszone verschwinden, weil die emittierende Produktion in eine Zone mit weniger strengen Regeln verlagert wird. Die Emissionen hören nicht auf zu existieren. Sie tauchen nur in einer anderen Statistik auf, nämlich in der des Ziellandes.

Für Deutschland bedeutet das Folgendes. Wenn eine Aluminiumhütte oder ein Chemiewerk schließt und die Produktion nach China oder in den Nahen Osten verlagert wird, sinkt der deutsche CO₂-Ausstoß. Die globale Bilanz verschlechtert sich dabei in vielen Fällen sogar, weil die Produktion im Zielland energieintensiver und emissionsreicher abläuft als in Deutschland.

Die Zahlen hinter der Deindustrialisierung

Der Endenergieverbrauch der deutschen Industrie ist zwischen 2000 und 2024 um 9,6 Prozent gesunken, von 2.421 auf 2.187 Petajoule. Das klingt nach Effizienz. Es ist zu einem erheblichen Teil Verlagerung.

Die Beispiele sind nicht abstrakt. BASF hat am Stammwerk Ludwigshafen seit 2022 rund 2.500 Stellen abgebaut und Anlagen geschlossen. Gleichzeitig investiert das Unternehmen 8,7 Milliarden Euro in einen neuen Verbundstandort in Zhanjiang, China, der im März 2026 eröffnet wurde. Die deutsche Aluminiumindustrie hat ihre Primärproduktion seit 2021 drastisch reduziert, nach einem Minus von mehr als 30 Prozent im Jahr 2022 brach die Erzeugung 2023 um weitere 45 Prozent ein. Die deutschen Hütten produzierten damit nur noch rund ein Drittel des Volumens von vor der Energiekrise. Primäraluminium wird heute fast ausschließlich importiert. ArcelorMittal hat die Produktion am Stahlwerk Hamburg wegen explodierter Energiekosten massiv gedrosselt. Wacker Chemie hat Siliziumproduktion nach Asien verlagert.

Jede dieser Entscheidungen hat einen gemeinsamen Nenner. In Deutschland ist die energieintensive Produktion unter den gegebenen Strom- und CO₂-Kostenstrukturen nicht mehr wirtschaftlich. Die Nachfrage nach den Produkten besteht weiterhin. Sie wird nun anderswo gedeckt.

Das Aluminium-Rechenbeispiel

Die Produktion einer Tonne Primäraluminium verbraucht rund 14.000 Kilowattstunden Strom, das entspricht dem Jahresverbrauch von etwa vier durchschnittlichen Haushalten. In Deutschland entstehen dabei, je nach Strommix, vier bis sieben Tonnen CO₂ pro Tonne Aluminium. In China liegt der Wert heute bei über sieben Tonnen, weil der Strommix dort noch deutlich kohlelastiger ist.

Dieselbe Tonne Aluminium, die früher in Deutschland produziert wurde, verursacht heute weltweit mehr CO₂ als zuvor. In der deutschen Statistik taucht davon nichts auf. Die Produktion wurde ausgelagert, die CO₂-Emissionen gleich mit.

CBAM, die Antwort der EU und ihre Grenzen

Die Europäische Union hat mit dem Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) ein Instrument geschaffen, das genau dieses Problem adressieren soll. Seit 2026 werden auf Importe kohlenstoffintensiver Güter Abgaben erhoben, die dem EU-CO₂-Preis entsprechen. Der Mechanismus soll Carbon Leakage verhindern, indem importierte Waren denselben Kohlenstoffkosten unterliegen wie in Europa produzierte.

CBAM ist ein begrenzter Ansatz. Er erfasst nur direkte Emissionen, nicht die gesamte Lieferkette. Er wirkt nur an den EU-Außengrenzen, nicht auf Drittmärkten, auf denen europäische Unternehmen mit verlagerten Kapazitäten konkurrieren. Und er kommt für Kapazitäten, die bereits verlagert wurden, zu spät.

Die grundlegende Ursache löst CBAM nicht. Solange energieintensive Produktion in Deutschland strukturell unwirtschaftlich ist, weil Industriestrompreise im internationalen Vergleich zu hoch liegen, setzt der Mechanismus an der Symptomebene an, nicht an der Ursache.

Was die Bilanz wirklich zeigt

Die Verbindung zu den vorangegangenen Beiträgen dieser Serie ist direkt. Beitrag 1 hat gezeigt, dass der Rückgang des Primärenergieverbrauchs zu einem erheblichen Teil auf Deindustrialisierung zurückzuführen ist, nicht auf Effizienz. Beitrag 5 hat gezeigt, dass der Energiebedarf in den kommenden Jahren massiv steigen wird, während gesicherte Kapazitäten abgebaut werden.

Carbon Leakage verbindet beide Befunde. Der statistisch sichtbare Rückgang der Emissionen und des Energieverbrauchs ist teilweise eine Folge davon, dass Produktion und damit Emissionen ins Ausland verlagert wurden. Was in der deutschen Statistik als Fortschritt erscheint, ist global betrachtet in vielen Fällen eine Verschlechterung.

Deutschland exportiert keine grüne Energie. Deutschland exportiert seine Industrie, und mit ihr einen Teil seiner Emissionen. Das ist die ehrliche Bilanz.

Quellenverzeichnis

AG Energiebilanzen e.V. – Energiebilanz Deutschland 2000 & 2024
https://ag-energiebilanzen.de/wp-content/uploads/EBD24p2_Auswertungstabellen_deutsch.pdf

BASF – Stellenabbau Ludwigshafen und Investition Zhanjiang (Börse Express, Mai 2026)
https://www.boerse-express.com/news/articles/basf-aktie-87-milliarden-fuer-zhanjiang-komplex-906067

BASF – Eröffnung Verbundstandort Zhanjiang (MarketScreener, März 2026)
https://www.marketscreener.com/news/basf-launches-major-production-plant-at-chinese-site-ce7e59dcdd80f227

Aluminium Deutschland – Produktionsrückgang 2023 (Packaging Journal, Januar 2024)
https://packaging-journal.de/deutsche-aluminiumindustrie-im-minus/

Aluminium Deutschland – Produktionsrückgang 2023 (International Aluminium Journal, Januar 2024)
https://www.aluminium-journal.de/deutsche-aluminiumindustrie-die-lage-ist-dramatisch

ArcelorMittal Hamburg – Produktionsdrosselung wegen Energiekosten (Handelsblatt, September 2022)
https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/stahlhersteller-zu-hohe-energiekosten-arcelor-mittal-stellt-produktion-an-zwei-deutschen-standorten-ein/28653048.html

IEA World Energy Outlook 2023
https://www.iea.org/reports/world-energy-outlook-2023

EU-Verordnung CBAM (2023/956)
https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32023R0956

Aluminium-Rechenbeispiel
https://www.aluminiumdeutschland.de/lexikon/begriff/stromerzeugung/

https://www.oddo-bhf.com/de/2025/04/15/das-co2-grenzausgleichssystem-cbam-der-todesstoss-fuer-die-europaeische-industrie-besonders-betroffen-ist-die-aluminiumindustrie

https://cleantechnica.com/2026/02/08/why-chinas-aluminum-industry-may-have-reached-peak-co2

Strom auf Abruf – Deutschlands Energiewende zwischen Anspruch und Wirklichkeit (1/7)

Was die Zahlen wirklich sagen – der sinkende Energieverbrauch ist kein Beweis für eine gelungene Energiewende

Phasen mit geringer Stromerzeugung aus Wind und Sonne gehören zum normalen Betrieb eines Energiesystems, das stark auf erneuerbare Quellen setzt. Bei wenig Wind und dichter Bewölkung sinkt die Einspeisung zeitweise deutlich, während der Verbrauch weitgehend konstant bleibt. In solchen Situationen muss das Netz durch andere Quellen stabilisiert werden, etwa durch konventionelle Kraftwerke oder Stromimporte aus dem europäischen Verbund. Diese Zusammenhänge sind gut dokumentiert und regelmäßig in den veröffentlichten Stromdaten nachvollziehbar.

Was dabei jedoch selten offen diskutiert wird, ist die Frage, welche Kraftwerke und Energiequellen einspringen, wenn Wind und Sonne nicht liefern, und vor allem ob entsprechende Kapazitäten auch in zehn oder zwanzig Jahren noch in ausreichendem Umfang verfügbar sein werden.

Denn die offizielle Darstellung der Energieversorgung betont eine andere Kennzahl. Deutschland verbraucht heute circa 26 Prozent weniger Primärenergie als im Jahr 2000, laut AG Energiebilanzen e.V. – Energiebilanz Deutschland 2000 & 2024. Das klingt nach Erfolg. Aber sie beschreibt nicht das, wofür sie gehalten wird, denn wie stark der Energieverbrauch tatsächlich gesunken ist, hängt entscheidend davon ab, wie man misst.

Zwei Messlatten – und warum die Wahl entscheidend ist

Es gibt verschiedene Arten, den Energieverbrauch eines Landes zu messen, und die Wahl der Messlatte verändert das Ergebnis erheblich.

Der Primärenergieverbrauch erfasst die Rohstoffe, bevor irgendetwas mit ihnen passiert: die Kohle im Bergwerk, das Uran im Reaktor, der Wind, der noch nicht durch eine Turbine geflossen ist. Diese Zahl umfasst aber auch die Verluste bei der Energieumwandlung. In thermischen Kraftwerken wird nur ein Teil der eingesetzten Primärenergie in Strom umgewandelt. Bei Kernkraftwerken liegt der Wirkungsgrad typischerweise bei rund einem Drittel, der übrige Anteil fällt als Abwärme an.

Der Endenergieverbrauch misst dagegen das, was tatsächlich bei Menschen und Betrieben ankommt: der Strom in der Steckdose, das Gas im Heizkörper, der Diesel im Tank.

Beide Kennzahlen sind sinnvoll, aber sie führen zu unterschiedlichen Aussagen. Die Politik zitiert fast immer nur eine davon. Während der Primärenergieverbrauch stark auf strukturelle Veränderungen im Energiesystem reagiert, zeigt der Endenergieverbrauch eher, wie viel Energie tatsächlich nachgefragt wird.

Warum der Rückgang kleiner ist als er aussieht

Beim Primärenergieverbrauch liegt der Rückgang seit 2000 tatsächlich bei circa 26,6 Prozent, beim Endenergieverbrauch dagegen nur bei 11,9 Prozent.

Ein wesentlicher Faktor ist der Atomausstieg. Kernkraftwerke werden in der Primärenergiebilanz mit ihrem gesamten Wärmeinput geführt, also Strom plus Abwärme.

Allein der Wegfall der Kernenergie, die im Jahr 2000 noch mit 1.851 PJ in der Statistik stand, erklärt einen erheblichen Teil des gemessenen Rückgangs. Mit der Abschaltung der letzten Anlagen im April 2023, sind diese 1.851 Petajoule aus der Statistik verschwunden. Nicht weil weniger verbraucht wird. Sondern weil eine Buchungsposition entfällt. Der Strom wird weiterhin verbraucht. Ein Teil davon importiert aus Frankreich, wo er in keiner deutschen Statistik auftaucht.

Rechnet man diesen Effekt heraus, liegt der tatsächliche Rückgang beim Primärenergieverbrauch bei rund 13 Prozent.

Noch eine Auffälligkeit: Ein Kohlekraftwerk wird in der Bilanz mit seinem gesamten Energieeinsatz erfasst, also Strom plus Abwärme. Eine Windanlage, die dieselbe Strommenge liefert, taucht nur mit dem erzeugten Strom auf. Je mehr Erneuerbare ins System kommen, desto besser sieht die Primärenergiebilanz aus, völlig unabhängig davon, ob das System effizienter oder verlässlicher geworden ist.

Effizienz – warum sie weniger bewirkt, als oft erwartet

Ein Teil des Rückgangs beim Energieverbrauch lässt sich tatsächlich durch Effizienz erklären: sparsamere Geräte, bessere Motoren, LED-Beleuchtung. Diese Fortschritte sind real und messbar.

Auffällig ist jedoch die Größenordnung. Von 1990 bis 2021 stieg die Primärenergieproduktivität der deutschen Wirtschaft – also die Wirtschaftsleistung, die pro eingesetzter Energieeinheit erzielt wird – um 82,2 Prozent. Der gesamte Primärenergieverbrauch ging im selben Zeitraum aber nur um 16,7 Prozent zurück. Effizienz allein erklärt diese Differenz also nicht.

Ein Grund dafür liegt in einem bekannten ökonomischen Effekt. Effizienz senkt die Kosten der Energienutzung, und wenn eine Anwendung dadurch günstiger wird, steigt oft die Nachfrage danach, etwa durch häufigere Nutzung, größere Geräte oder zusätzliche Anwendungen. Ein Teil der Einsparungen wird so wieder aufgezehrt.

Dieser Zusammenhang wurde bereits 1865 von William Stanley Jevons beschrieben und ist heute als Jevons-Paradoxon bekannt. Effizienz bleibt wichtig, führt aber nicht automatisch zu einem entsprechend starken Rückgang des Gesamtverbrauchs.

Den Rest erklären mildere Winter, ein Konjunktureinbruch durch Corona 2020 und etwas, das in der Klimadebatte selten offen ausgesprochen wird: Deindustrialisierung. Wenn eine energieintensive Fabrik schließt und ins Ausland verlagert wird, sinkt der deutsche Energieverbrauch. In der Statistik sieht das aus wie ein Effizienzgewinn. Es ist aber das genaue Gegenteil.

Ein Blick in die Lausitz – und was er zeigt

Wer die Energieversorgung Deutschlands wirklich verstehen will, kommt an der Lausitz kaum vorbei. Dort, im Süden Brandenburgs und Nordosten Sachsens, stehen Kraftwerke, die jahrzehntelang das geleistet haben, was heute niemand laut sagen will: verlässlichen Strom rund um die Uhr, unabhängig vom Wetter, in einem Umfang, der Millionen Haushalte und Industriebetriebe versorgte. Jänschwalde, Schwarze Pumpe, Boxberg, Namen, die in der öffentlichen Energiedebatte kaum vorkommen. Kraftwerke, die gerade systematisch abgebaut werden.

Worum es in dieser Serie geht

Diese Beitragsserie geht einem einfachen Gedanken nach. Es geht nicht darum, wie viel Energie Deutschland produziert, sondern wie verlässlich es das tut. Die zentrale Frage ist daher nicht, wie viel Energie insgesamt verbraucht wird, sondern welche Kapazitäten zur Verfügung stehen, wenn sie gebraucht werden. Wie war das System im Jahr 2000 aufgestellt? Was wurde seither abgebaut und womit ersetzt? Welche Nachfrage rollt auf ein Netz zu, das gerade geschwächt wird? Und was bedeutet das für eine Region, die das alles jahrzehntelang getragen hat?

Die Zahlen dafür liegen offen. Man muss sie nur vollständig lesen.

Quellenverzeichnis

AG Energiebilanzen e.V. – Energiebilanz Deutschland 2000 & 2024
https://ag-energiebilanzen.de/wp-content/uploads/EBD24p2_Auswertungstabellen_deutsch.pdf

Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) / Umweltbundesamt, „Energieeffizienz in Zahlen – Entwicklungen und Trends in Deutschland 2022“:
https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Energie/energieeffizienz-in-zahlen-2022.pdf

Rebound-Effekt
https://www.bundestag.de/resource/blob/282726/85e2970ac3cda746a05541a0269eda69/der-rebound-effekt–stoerendes-phaenomen-bei-der-steigerung-der-energieeffizienz-data.pdf

Endenergieverbrauch nach Energieträgern und Sektoren
https://www.umweltbundesamt.de/daten/energie/energieverbrauch-nach-energietraegern-sektoren

Alles Gute zum Schulanfang wünscht euch Lars Schieske.

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