Wachsende Nachfrage trifft auf schrumpfende gesicherte Kapazitäten (5/7)

Die offizielle Statistik zeigt einen sinkenden Energieverbrauch. Sie blickt damit in den Rückspiegel. Der Rückgang ist vor allem Ausdruck einer schwächeren Industrieproduktion, der Verlagerung energieintensiver Industrien und von Effizienzsteigerungen im Gebäudebestand. Was sie nicht abbilden, ist das, was unmittelbar bevorsteht. Drei Nachfragewellen rollen auf das deutsche Energiesystem zu, gleichzeitig und in einer Größenordnung, die in keinem offiziellen Szenario vollständig eingerechnet ist und sie treffen auf eine Infrastruktur, in der gleichzeitig verlässliche Erzeugungskapazitäten abgebaut werden.

Das Klimaschutzprogramm 2023 legt für das Jahr 2030 einen Bruttostromverbrauch von 680 Terawattstunden zugrunde. Obwohl in verschiedenen Szenarien oft ein Wert von rund 680 TWh als Basis für den sogenannten Transformationspfad genannt wird, geht die aktuelle gesetzliche Planung der Bundesregierung im EEG 2023 inzwischen sogar von einem noch höheren Bedarf aus. Erwartet wird ein Anstieg des Bruttostromverbrauchs auf 750 TWh bis zum Jahr 2030.

Der aktuelle Bruttostromverbrauch liegt bei rund 520 Terawattstunden. Damit geht die Bundesregierung innerhalb weniger Jahre von einem Anstieg um etwa 44 Prozent aus.

Doch selbst diese 750 Terawattstunden dürften zu niedrig gegriffen sein. Drei Nachfragewellen sind in den offiziellen Szenarien entweder unterschätzt oder gar nicht erst erfasst.

Wärmepumpen und Elektromobilität – der Winterpeak

Die Elektrifizierung von Wärme und Mobilität ist das erklärte Kernziel der Energiewende. Sechs Millionen Wärmepumpen sollen bis 2030 installiert sein, 15 Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen fahren. Die Zahlen sind bekannt.

Weniger diskutiert wird, was sie für das Stromsystem bedeuten.

Sechs Millionen Wärmepumpen würden einen Mehrbedarf von rund 60 Terawattstunden im Jahr erzeugen. 15 Millionen Elektrofahrzeuge kommen auf etwa 30 Terawattstunden hinzu. Zusammen sind das 90 Terawattstunden zusätzlicher Jahresverbrauch, eine Zahl, die für sich genommen noch handhabbar klingt. Das eigentliche Problem ist die zeitliche Verteilung. Wärmepumpen laufen auf Hochtouren, wenn es kalt ist. Elektroautos werden abends geladen, wenn die Menschen nach Hause kommen. Beides trifft sich im Winter, in den Abendstunden, bei Dunkelheit und Windstille. Genau dann, wenn Photovoltaik nichts liefert und Windkraft ausfällt, steigt die Nachfrage durch die neuen Verbraucher am stärksten. Die Last verschiebt sich in das Zeitfenster, in dem die Versorgung am engsten ist.

Der Investitionsbedarf für die dafür notwendige Infrastruktur ist enorm. McKinsey beziffert den Gesamtbedarf aus Erzeugungskapazitäten und Stromnetze zusammen auf rund 700 bis 850 Milliarden Euro für den Zeitraum 2023 bis 2035, also im Schnitt rund 60 bis 70 Milliarden Euro pro Jahr. Allein für die Netzinfrastruktur schätzt McKinsey den Bedarf auf 370 bis 410 Milliarden Euro bis 2035.

KI und Rechenzentren – der unsichtbare Verbraucher

Die zweite Welle ist weniger sichtbar, aber in ihrer Dynamik kaum zu bremsen. Künstliche Intelligenz braucht Rechenleistung, Rechenleistung braucht Strom, und der Bedarf wächst mit einer Geschwindigkeit, die vor wenigen Jahren noch niemand modelliert hat. Der Stromverbrauch von Rechenzentren in Deutschland dürfte bis 2030 auf rund 30-35 Terawattstunden steigen, getrieben durch KI-Training, Cloud-Infrastruktur und die Nachfrage großer Technologiekonzerne, die ihre europäischen Rechenzentren in Deutschland ausbauen.

Selten wird dabei mitgedacht, dass ein erheblicher Teil dieses Bedarfs nicht trotz, sondern auch wegen der Energiewende entsteht. Die Transformation des Stromsystems zu einer dezentralen, fluktuierenden Erzeugungslandschaft ist ohne digitale Infrastruktur nicht zu betreiben.

Moderne KI-Systeme überwachen Energieflüsse in Echtzeit, erkennen Anomalien, simulieren Markt- und Netzzustände und koordinieren das Zusammenspiel von Photovoltaik, Wärmepumpen und Batteriespeichern. Smart Grids, die intelligenten Stromnetze, die das Rückgrat der neuen Versorgungsarchitektur bilden sollen, setzen KI für die automatische Steuerung von Energieflüssen ein. Die Stadtwerke München etwa nutzen solche Systeme bereits in der Geothermie und Fernwärme. Hinzu kommt die vorausschauende Wartung: Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass sich ungeplante Ausfälle durch vorausschauende Wartung, also das frühzeitige Erkennen von Verschleiß anhand von Sensordaten, um bis zu 40 Prozent reduzieren lassen. Auch das ist Rechenarbeit, die Strom kostet.

Die Energiewende schafft damit eine eigentümliche Rückkopplung. Je stärker das System auf erneuerbare Quellen umgestellt wird, desto mehr digitale Steuerungsinfrastruktur wird benötigt und desto mehr Strom verbraucht diese Infrastruktur selbst. Der Bedarf durch KI und Rechenzentren ist daher kein externer Schock, der auf die Energiewende trifft. Er ist zu einem guten Teil ihr eigener Fußabdruck.

Dieser Verbrauch ist dabei strukturell anders als der aus Wärmepumpen oder Elektromobilität. Er ist gleichmäßig verteilt, wetterunabhängig und nicht flexibel steuerbar. Rechenzentren und Netzleitsysteme laufen durch bei Tag und bei Nacht, im Sommer wie im Winter.

Wasserstoff – der größte Joker

Die dritte Welle ist die unberechenbarste. Die Nationale Wasserstoffstrategie 2023 geht für 2030 von einem Gesamtwasserstoffbedarf von 95 bis 130 Terawattstunden jährlich aus. Da die heimischen Erzeugungspotenziale begrenzt sind, sollen nach Einschätzung der Bundesregierung 50 bis 70 Prozent davon importiert werden. Für den verbleibenden heimischen Anteil wären bei einem typischen Elektrolyseur-Wirkungsgrad von rund 65 bis 70 Prozent rund 40 bis 93 Terawattstunden zusätzlicher Strom erforderlich.

Das strukturelle Problem liegt tiefer. Wasserstoff entsteht durch Elektrolyse, ein Prozess, der erhebliche Mengen Strom verbraucht, um Energie in einen anderen Träger umzuwandeln. Jede Kilowattstunde Wasserstoff kostet mehr als eine Kilowattstunde Strom. Je größer die Wasserstoffwirtschaft, desto größer der Strombedarf, und desto abhängiger wird das System von zwei Voraussetzungen, die beide unsicher sind, nämlich ausreichend gesicherter Stromerzeugung im Inland und funktionierenden Importrouten für den Rest. Die Strategie selbst räumt ein, dass der Bedarf nach 2030 erheblich steigen wird. Wer heute Infrastruktur für 2030 plant, plant für ein System, das sich kurz darauf bereits überholt haben könnte.

Was das zusammen bedeutet

Addiert man die drei Wachstumstreiber, ergibt sich für 2030 je nach Szenario ein sehr unterschiedliches Bild. Im Trendpfad – also bei fortgeschriebener Marktentwicklung ohne politischen Hochlauf – rechnet McKinsey mit einem Gesamtverbrauch von rund 530 Terawattstunden, was einem Zuwachs von knapp 10 Prozent gegenüber heute entspräche. Das offizielle Regierungsziel liegt bei 750 Terawattstunden. Der größte Unsicherheitsfaktor ist dabei die Wasserstoff-Elektrolyse. Für 2030 erwarten die Szenarien hier noch einen vergleichsweise geringen heimischen Strombedarf von 10 bis 30 Terawattstunden, die großen Mengen werden erst nach 2030 relevant, wenn die Wasserstoffwirtschaft Fahrt aufnimmt.

Genau das ist die eigentliche Spannung. Die Nachfrage steigt, aber nicht gleichmäßig und nicht vorhersehbar. Sie kann sich je nach Tempo des Hochlaufs bei Wärmepumpen, Elektromobilität und Wasserstoff erheblich nach oben verschieben, und das in einer Phase, in der gleichzeitig rund 30 Gigawatt grundlastfähiger Kohlekraftwerkskapazität vom Netz gehen.

Die Frage ist nicht, ob die Nachfrage steigt. Die Frage ist, womit sie bedient wird und ob das System, das diese Nachfrage auffangen soll, auch genug gesicherte Leistung bereitstellt. Strom folgt nur der Physik.

Quellenverzeichnis

Klimaschutzprogramm 2023 der Bundesregierung
https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Downloads/klimaschutz/20231004-klimaschutzprogramm-der-bundesregierung.pdf

Entwicklung des Bruttostromverbrauchs bis 2030
https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Downloads/E/prognos-bruttostromverbrauch-2018-2030.pdf

Fraunhofer ISE: Wege zu einem klimaneutralen Energiesystem
https://www.ise.fraunhofer.de/de/veroeffentlichungen/studien/wege-zu-einem-klimaneutralen-energiesystem.html
(Hinweis: Die Studie liegt als PDF vor; die Landingpage verlinkt darauf direkt)

Bundesnetzagentur: Netzentwicklungsplan Strom
https://www.netzentwicklungsplan.de

BMWK (2025): Stand und Entwicklung des Rechenzentrumsstandorts Deutschland
https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Technologie/stand-und-entwicklung-des-rechenzentrumsstandorts-deutschland.pdf

BEE: Update der Strombedarfsanalyse
https://www.bee-ev.de/service/publikationen-medien/beitrag/update-der-strombedarfsanalyse

McKinsey (Januar 2025): Zukunftspfad Stromnachfrage
https://www.mckinsey.de/~/media/mckinsey/locations/europe%20and%20middle%20east/deutschland/news/presse/2025/2025-01-20%20zukunftspfad%20stromnachfrage/mckinsey_zukunftspfad%20stromnachfrage_januar%202025.pdf

Knobelspies, Fabian (2026): „Wie KI die deutsche Energiebranche neu ordnet“, THEMEN!magazin 1/26 → PwC-Zitat „Schwelle vom Experiment zum Werttreiber“; Innobu-Daten (Beschaffungskosten −15–20 %); Stadtwerke München Geothermie; Predictive-Maintenance-Reduktion bis 40 % Printquelle – als Quellenangabe: THEMEN!magazin, Ausgabe 1/2026, S. 28–29

Predictive Maintenance
https://www.grantthornton.de/themen/2025/predictive-maintenance-in-der-digitalen-fertigung/

Fortschreibung der Nationalen Wasserstoffstrategie
https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Wasserstoff/Downloads/Fortschreibung.pdf

Wasserstoff
https://www.stromzeit.ch/blog/innovationen-4/wasserstoff-rekordwirkungsgrad-von-98-funktionsweise-von-elektrolyseuren-wirtschaftliche-herausforderungen-597

Der Abbau von Kernkraft, Kohle und gesicherter Leistung (3/7)

3.840 Petajoule. Das ist die Energiemenge, die Deutschland seit dem Jahr 2000 an verlässlichen, grundlastfähigen Erzeugungskapazitäten abgebaut hat. Von der Kernenergie ist nichts übrig. Die Steinkohle hat fast zwei Drittel ihres einstigen Beitrags eingebüßt. Die Braunkohle knapp die Hälfte.

3.840 Petajoule entsprechen mehr als einem Drittel des gesamten deutschen Primärenergieverbrauchs von heute. Dieser Beitrag geht der Frage nach, was dabei abgebaut wurde, in welchem Tempo das geschah, und was heute an dessen Stelle steht.

Wie die Kernenergie zum größten Einzelrückgang der deutschen Energiegeschichte wurde

Die letzte Zeile der deutschen Kernenergie endete am 15. April 2023. Mit der Abschaltung von Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland verschwand ein CO₂-armer, planbarer und wetterunabhängiger Energieträger vollständig aus der deutschen Bilanz, der im Jahr 2000 noch 1.851 Petajoule geliefert hatte. Es ist der größte Einzelrückgang eines Energieträgers, den Deutschland je verzeichnet hat, größer als der Rückgang der Steinkohle, größer als der der Braunkohle. Weltweit hat bisher nur Taiwan einen vergleichbaren vollständigen Ausstieg vollzogen, plant ihn aber bereits rückgängig zu machen. Deutschland ist damit das einzige Land, das endgültig aus der Kernenergie ausgestiegen ist, während der Rest der Welt neue Kapazitäten baut.

Was folgte, ist in den Daten klar ablesbar. Deutschland wurde nach Jahrzehnten als Nettostromexporteur erstmals zum Nettostromimporteur.

Dabei verlief der Ausstieg in zwei Phasen. Die erste begann nicht 2023, sondern 2011, unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Die Bundesregierung stellte sieben der ältesten Kraftwerke innerhalb von drei Tagen ab. Mit dem Bundestagsbeschluss vom 30. Juni 2011 wurden insgesamt acht Anlagen endgültig stillgelegt. Was damals folgte, widerspricht der Erzählung vom sogenannten Klimafortschritt direkt: Die wegfallende Kapazität wurde kurzfristig nicht durch Erneuerbare kompensiert, sondern durch mehr Kohlestrom. Die CO₂-Emissionen der deutschen Stromerzeugung stiegen in den Jahren nach 2011 zeitweise an. Das Gegenteil des intendierten Effekts.

Hinzu kommt ein statistischer Nebeneffekt, auf den diese Serie bereits im ersten Beitrag hingewiesen hat. Mit dem Wegfall der Kernenergie verschwinden 1.851 Petajoule aus der Primärenergiebilanz, nicht weil weniger Energie verbraucht wird, sondern weil eine Buchungsposition entfällt. Der Strom wird weiterhin benötigt und verbraucht, ein Teil davon wird aus Frankreich importiert und taucht in der deutschen Primärenergiebilanz nicht auf.

Steinkohle und Braunkohle, noch im System, aber auf dem Rückzug

Steinkohle fiel von 2.021 auf 773 Petajoule, ein Minus von 61,7 Prozent. Das ist zum einen Folge des Kohleausstiegsgesetzes von 2020, zum anderen schlicht Marktentwicklung, denn die heimische Steinkohleförderung wurde bereits 2018 eingestellt. Was heute noch in deutschen Kraftwerken verbrannt wird, ist ausschließlich importierte Kohle, mit allen Abhängigkeiten, die das mit sich bringt.

Braunkohle sank von 1.550 auf 809 Petajoule, ein Rückgang von 47,9 Prozent. Die absoluten Zahlen zeigen aber ein anderes Bild, mit 809 PJ liegt Braunkohle 2024 noch immer über der gesamten Windenergie (500 PJ) und fast beim Dreifachen der Photovoltaik (271 PJ). Ausgerechnet der Energieträger, über dessen Ausstieg seit Jahren diskutiert wird, trägt damit heute mehr zur Versorgung bei als alle Windräder Deutschlands zusammen.

Warum der Unterschied zwischen installierter und gesicherter Leistung entscheidend ist

Wenn über den Ausbau der Erneuerbaren berichtet wird, ist fast immer von der installierten Leistung die Rede. Deutschland hat heute Windkraftanlagen mit einer installierten Leistung von über 70 Gigawatt, Solaranlagen mit über 80 Gigawatt. Das sind beeindruckende Zahlen. Aber sie beschreiben ein Maximum, was unter idealen Bedingungen theoretisch möglich wäre.

Für die Versorgungssicherheit zählt eine andere Zahl, die gesicherte Leistung. Sie beschreibt den Anteil, mit dem ein Energieträger verlässlich und planbar ins Netz einspeist, egal bei welchem Wetter, egal zu welcher Jahreszeit.

Deutschland hat also in den vergangenen 25 Jahren nominal mehr Erzeugungskapazität aufgebaut als je zuvor und gleichzeitig gesicherte Leistung abgebaut. Beide Aussagen stimmen, das ist kein Widerspruch. Es ist das Grundproblem, um das diese Serie kreist.

Energieträger – Gesicherte Leistung

Kohlekraftwerk: nahe 100 %
Gaskraftwerk: nahe 100 %
Windkraft: 5–15 % der installierten Leistung
Photovoltaik nachts: 0 %

Wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint

Sogenannte Dunkelflauten sind Wetterlagen, in denen weder nennenswert Wind weht noch Sonne scheint. Sie klingen nach einem Ausnahmeereignis, sind es aber nicht. Sie sind ein wiederkehrendes Phänomen jedes mitteleuropäischen Winters, aufgezeichnet und in den öffentlichen Einspeisedaten der Übertragungsnetzbetreiber für jeden nachvollziehbar.

In solchen Phasen liefern Wind und Solar zusammen manchmal weniger als fünf Prozent des deutschen Strombedarfs. Konventionelle Kraftwerke, Stromimporte und Reservekapazitäten füllen die Lücke. Das kostet Geld und setzt voraus, dass diese Kapazitäten überhaupt noch vorhanden sind.

Ob das in zehn oder fünfzehn Jahren noch so verlässlich funktioniert wie heute, ist eine offene Frage.

Was aufgebaut wurde und was dabei fehlt

Die Erneuerbaren sind von 417 auf 2.094 Petajoule gewachsen, ein Plus von über 400 Prozent in 24 Jahren. Wer durch Deutschland fährt, sieht es überall. Windräder an jedem Horizont, Solaranlagen auf Dächern, Feldern und Lärmschutzwällen. Was im Jahr 2000 noch Pilotprojekte waren, prägt heute das Landschaftsbild ganzer Regionen. Wind und Solar haben an Gewicht gewonnen und machen die Stromerzeugung wetterabhängiger als je zuvor.

Was Deutschland in den vergangenen 25 Jahren gebaut hat, ist ein Energiesystem mit enormer Kapazität und strukturell gesunkener Verlässlichkeit. Wie groß das Problem noch wird, hängt auch davon ab, wie stark der Bedarf in den nächsten Jahren steigt.

Quellenverzeichnis

AG Energiebilanzen e.V. – Energiebilanz Deutschland 2000 & 2024
https://ag-energiebilanzen.de/wp-content/uploads/EBD24p2_Auswertungstabellen_deutsch.pdf

Deutschland wird Nettostromimporteur
https://greenspotting.de/das-jahr-in-dem-deutschland-zum-nettoimporteur-von-strom-wurde/

Windenergie in Deutschland
https://strom-report.com/windenergie/

Installierte Leistung der Photovoltaikanlagen in Deutschland in den Jahren 2005 bis 2025
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/13547/umfrage/leistung-durch-solarstrom-in-deutschland-seit-1990/

Atomausstieg Deutschland – Abschaltung Isar 2, Emsland, Neckarwestheim 2 (BASE)
https://www.base.bund.de/de/nukleare-sicherheit/atomausstieg/abgeschaltete-akw/2022/die-drei-letzten-akw.html

Fukushima-Moratorium 2011 – Abschaltung acht Kraftwerke (BASE)
https://www.base.bund.de/de/nukleare-sicherheit/nukleare-unfaelle/fukushima/folgen-deutschland.html

Steinkohleförderung eingestellt 2018, Versorgung zu über 97 % durch Importe (Bundesministerium für Wirtschaft)
https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Artikel/Energie/kohlepolitik.html

Taiwan – Abschaltung letzter Reaktor Mai 2025 (World Nuclear Association)
https://world-nuclear.org/information-library/country-profiles/others/nuclear-power-in-taiwan

Taiwan – Pläne zur Wiederinbetriebnahme (FDD Analysis, März 2026)
https://www.fdd.org/analysis/2026/03/24/in-major-reversal-taiwan-seeks-to-rewire-its-energy-strategy-by-restarting-its-nuclear-plants/

Das Fundament: Wie Deutschland seinen Strom im Jahr 2000 erzeugt hat (2/7)

Stell dir vor, du schaltest im Jahr 2000 den Lichtschalter ein und weißt mit Sicherheit, dass das Licht angeht. Nicht, weil du einfach hoffst, dass alles funktioniert, sondern weil du dich auf das System verlassen kannst. Es war darauf ausgelegt, jederzeit zu liefern.

Deutschland verfügte über ein stabiles Fundament der Energieversorgung, getragen von drei Säulen – Kernenergie, Steinkohle und Braunkohle. Diese klassischen Energieträger deckten zusammen mehr als ein Drittel des gesamten Primärenergieverbrauchs. Gesicherte Leistung war das Schlüsselwort, also Energie, die immer und überall verfügbar war, unabhängig vom Wetter oder der Tageszeit.

Was damals wie eine Selbstverständlichkeit wirkte, ist heute ein energiepolitisches Thema geworden. Ein Blick zurück lohnt sich deshalb nicht aus Nostalgie, sondern weil man nur verstehen kann, was verloren gegangen ist, wenn man weiß, was einmal da war.

Die Säulen der Energieversorgung im Jahr 2000

Im Jahr 2000 lag der Primärenergieverbrauch bei 14.401 Petajoule (PJ). Davon entfallen:

• Kernenergie: 1.851 PJ (12,9%)
• Steinkohle: 2.021 PJ (14,0%)
• Braunkohle: 1.550 PJ (10,8%)
• Erneuerbare Energien: 417 PJ (2,9%)

Zusammen kamen Kernenergie, Steinkohle und Braunkohle auf 5.422 PJ, das entsprach 37,6 Prozent der gesamten Energiebasis. Es war ein klar kalkulierbares System, gebaut auf konstanten Abläufen und berechenbarer Leistung.

Was diese Zahlen bedeuten, erschließt sich erst durch einen Begriff, der in der heutigen Energiedebatte auffällig selten fällt: gesicherte Leistung. Gemeint ist die Energie, die unabhängig von Wetter, Jahreszeit und Tageszeit planbar zur Verfügung steht, also die Kilowattstunden, auf die sich Netzbetreiber, Industriebetriebe und Haushalte verlassen konnten, egal was draußen passierte. Kernkraft, Kohle und Gas lieferten sie kontinuierlich. Wind und Solar können das strukturell nicht.

Im Jahr 2000 kam der überwiegende Teil der deutschen Energie aus Quellen, die rund um die Uhr verfügbar waren. Das war kein Zufall. Es war eine Konstruktionsentscheidung.

Was Kernenergie wirklich bedeutete

Die Kernkraftwerke in Deutschland liefen nahezu unterbrechungsfrei und produzierten Strom ohne CO₂-Emissionen. Wetter und jahreszeitliche Schwankungen spielten keine Rolle, denn die Reaktoren arbeiteten Tag und Nacht.

Im Jahr 2000 betrug ihr Beitrag 1.851 PJ. Heute, ein Vierteljahrhundert später, ist dieser Wert null. Damit hat Deutschland eine seiner planbarsten und CO₂-ärmsten Stromquellen vollständig abgeschaltet. Mit ihr fiel nicht nur ein emissionsarmer Baustein weg, sondern auch ein Stück Systemstabilität.

Die Lausitz – Zentrum der deutschen Grundlast

Wer damals von „Grundlastversorgung“ sprach, kam an der Lausitz kaum vorbei. Kraftwerksnamen wie Jänschwalde, Schwarze Pumpe, Boxberg und Lippendorf standen für Strom aus der Region, rund um die Uhr.

Die Braunkohle trug rund 1.550 PJ zum Primärenergiemix bei. Ein erheblicher Teil davon wurde in der Lausitz gefördert und direkt vor Ort verstromt, mit kurzen Transportwegen und hoher Verfügbarkeit.

Bis 2024 ist die Braunkohle auf rund 809 PJ geschrumpft, ein Rückgang um fast 48%. Ganze Kraftwerksblöcke stehen still oder laufen nur noch sporadisch, während der Weg in die sogenannte Transformation weitergeführt wird.

Und die Erneuerbaren?

Im Jahr 2000 machten Erneuerbare Energien gerade einmal 2,9% aus, rund 417 PJ insgesamt. Der Löwenanteil kam aus Biomasse (280 PJ) und Wasserkraft (127 PJ). Windkraft und Solarenergie spielten noch eine Nebenrolle.

Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das im selben Jahr in Kraft trat, begann der Wandel. Doch kaum jemand rechnete damals durch, was passiert, wenn man die stabilen Kapazitäten schrittweise abbaut, bevor gleichwertiger Ersatz verfügbar ist.

2024 liegt der Anteil mit 2.094 PJ bei fast 20 % des Primärenergieverbrauchs, ein Plus von über 400 %. Wind und Solar prägen inzwischen das Bild, keine Frage. Doch der Ausbau kaschiert ein strukturelles Problem, denn das Stromangebot schwankt zunehmend unkontrolliert, während Speicher und Netzausbau seit Jahren hinterherhinken. Man hat kräftig in Erzeugungskapazität investiert, doch die Frage, wie der Strom verlässlich dorthin kommt, wo er gebraucht wird, bleibt bis heute unbeantwortet.

Ein System, das verlässlich war

Das Jahr 2000 markierte den Ausgangspunkt einer tiefgreifenden Veränderung. Während die Energieerzeugung damals auf Verlässlichkeit und physische Lagerung setzte, begann kurz darauf die Umstellung auf Wetterabhängigkeit und fluktuierende Quellen.

Wer heute über Energiesicherheit spricht, blickt zurück auf ein Fundament, gebaut aus Kontrolle, Berechenbarkeit und einer Architektur, die das Licht garantiert zum Leuchten brachte.

Quellenverzeichnis

AG Energiebilanzen e.V. – Energiebilanz Deutschland 2000 & 2024
https://ag-energiebilanzen.de/wp-content/uploads/EBD24p2_Auswertungstabellen_deutsch.pdf

Strom auf Abruf – Deutschlands Energiewende zwischen Anspruch und Wirklichkeit (1/7)

Was die Zahlen wirklich sagen – der sinkende Energieverbrauch ist kein Beweis für eine gelungene Energiewende

Phasen mit geringer Stromerzeugung aus Wind und Sonne gehören zum normalen Betrieb eines Energiesystems, das stark auf erneuerbare Quellen setzt. Bei wenig Wind und dichter Bewölkung sinkt die Einspeisung zeitweise deutlich, während der Verbrauch weitgehend konstant bleibt. In solchen Situationen muss das Netz durch andere Quellen stabilisiert werden, etwa durch konventionelle Kraftwerke oder Stromimporte aus dem europäischen Verbund. Diese Zusammenhänge sind gut dokumentiert und regelmäßig in den veröffentlichten Stromdaten nachvollziehbar.

Was dabei jedoch selten offen diskutiert wird, ist die Frage, welche Kraftwerke und Energiequellen einspringen, wenn Wind und Sonne nicht liefern, und vor allem ob entsprechende Kapazitäten auch in zehn oder zwanzig Jahren noch in ausreichendem Umfang verfügbar sein werden.

Denn die offizielle Darstellung der Energieversorgung betont eine andere Kennzahl. Deutschland verbraucht heute circa 26 Prozent weniger Primärenergie als im Jahr 2000, laut AG Energiebilanzen e.V. – Energiebilanz Deutschland 2000 & 2024. Das klingt nach Erfolg. Aber sie beschreibt nicht das, wofür sie gehalten wird, denn wie stark der Energieverbrauch tatsächlich gesunken ist, hängt entscheidend davon ab, wie man misst.

Zwei Messlatten – und warum die Wahl entscheidend ist

Es gibt verschiedene Arten, den Energieverbrauch eines Landes zu messen, und die Wahl der Messlatte verändert das Ergebnis erheblich.

Der Primärenergieverbrauch erfasst die Rohstoffe, bevor irgendetwas mit ihnen passiert: die Kohle im Bergwerk, das Uran im Reaktor, der Wind, der noch nicht durch eine Turbine geflossen ist. Diese Zahl umfasst aber auch die Verluste bei der Energieumwandlung. In thermischen Kraftwerken wird nur ein Teil der eingesetzten Primärenergie in Strom umgewandelt. Bei Kernkraftwerken liegt der Wirkungsgrad typischerweise bei rund einem Drittel, der übrige Anteil fällt als Abwärme an.

Der Endenergieverbrauch misst dagegen das, was tatsächlich bei Menschen und Betrieben ankommt: der Strom in der Steckdose, das Gas im Heizkörper, der Diesel im Tank.

Beide Kennzahlen sind sinnvoll, aber sie führen zu unterschiedlichen Aussagen. Die Politik zitiert fast immer nur eine davon. Während der Primärenergieverbrauch stark auf strukturelle Veränderungen im Energiesystem reagiert, zeigt der Endenergieverbrauch eher, wie viel Energie tatsächlich nachgefragt wird.

Warum der Rückgang kleiner ist als er aussieht

Beim Primärenergieverbrauch liegt der Rückgang seit 2000 tatsächlich bei circa 26,6 Prozent, beim Endenergieverbrauch dagegen nur bei 11,9 Prozent.

Ein wesentlicher Faktor ist der Atomausstieg. Kernkraftwerke werden in der Primärenergiebilanz mit ihrem gesamten Wärmeinput geführt, also Strom plus Abwärme.

Allein der Wegfall der Kernenergie, die im Jahr 2000 noch mit 1.851 PJ in der Statistik stand, erklärt einen erheblichen Teil des gemessenen Rückgangs. Mit der Abschaltung der letzten Anlagen im April 2023, sind diese 1.851 Petajoule aus der Statistik verschwunden. Nicht weil weniger verbraucht wird. Sondern weil eine Buchungsposition entfällt. Der Strom wird weiterhin verbraucht. Ein Teil davon importiert aus Frankreich, wo er in keiner deutschen Statistik auftaucht.

Rechnet man diesen Effekt heraus, liegt der tatsächliche Rückgang beim Primärenergieverbrauch bei rund 13 Prozent.

Noch eine Auffälligkeit: Ein Kohlekraftwerk wird in der Bilanz mit seinem gesamten Energieeinsatz erfasst, also Strom plus Abwärme. Eine Windanlage, die dieselbe Strommenge liefert, taucht nur mit dem erzeugten Strom auf. Je mehr Erneuerbare ins System kommen, desto besser sieht die Primärenergiebilanz aus, völlig unabhängig davon, ob das System effizienter oder verlässlicher geworden ist.

Effizienz – warum sie weniger bewirkt, als oft erwartet

Ein Teil des Rückgangs beim Energieverbrauch lässt sich tatsächlich durch Effizienz erklären: sparsamere Geräte, bessere Motoren, LED-Beleuchtung. Diese Fortschritte sind real und messbar.

Auffällig ist jedoch die Größenordnung. Von 1990 bis 2021 stieg die Primärenergieproduktivität der deutschen Wirtschaft – also die Wirtschaftsleistung, die pro eingesetzter Energieeinheit erzielt wird – um 82,2 Prozent. Der gesamte Primärenergieverbrauch ging im selben Zeitraum aber nur um 16,7 Prozent zurück. Effizienz allein erklärt diese Differenz also nicht.

Ein Grund dafür liegt in einem bekannten ökonomischen Effekt. Effizienz senkt die Kosten der Energienutzung, und wenn eine Anwendung dadurch günstiger wird, steigt oft die Nachfrage danach, etwa durch häufigere Nutzung, größere Geräte oder zusätzliche Anwendungen. Ein Teil der Einsparungen wird so wieder aufgezehrt.

Dieser Zusammenhang wurde bereits 1865 von William Stanley Jevons beschrieben und ist heute als Jevons-Paradoxon bekannt. Effizienz bleibt wichtig, führt aber nicht automatisch zu einem entsprechend starken Rückgang des Gesamtverbrauchs.

Den Rest erklären mildere Winter, ein Konjunktureinbruch durch Corona 2020 und etwas, das in der Klimadebatte selten offen ausgesprochen wird: Deindustrialisierung. Wenn eine energieintensive Fabrik schließt und ins Ausland verlagert wird, sinkt der deutsche Energieverbrauch. In der Statistik sieht das aus wie ein Effizienzgewinn. Es ist aber das genaue Gegenteil.

Ein Blick in die Lausitz – und was er zeigt

Wer die Energieversorgung Deutschlands wirklich verstehen will, kommt an der Lausitz kaum vorbei. Dort, im Süden Brandenburgs und Nordosten Sachsens, stehen Kraftwerke, die jahrzehntelang das geleistet haben, was heute niemand laut sagen will: verlässlichen Strom rund um die Uhr, unabhängig vom Wetter, in einem Umfang, der Millionen Haushalte und Industriebetriebe versorgte. Jänschwalde, Schwarze Pumpe, Boxberg, Namen, die in der öffentlichen Energiedebatte kaum vorkommen. Kraftwerke, die gerade systematisch abgebaut werden.

Worum es in dieser Serie geht

Diese Beitragsserie geht einem einfachen Gedanken nach. Es geht nicht darum, wie viel Energie Deutschland produziert, sondern wie verlässlich es das tut. Die zentrale Frage ist daher nicht, wie viel Energie insgesamt verbraucht wird, sondern welche Kapazitäten zur Verfügung stehen, wenn sie gebraucht werden. Wie war das System im Jahr 2000 aufgestellt? Was wurde seither abgebaut und womit ersetzt? Welche Nachfrage rollt auf ein Netz zu, das gerade geschwächt wird? Und was bedeutet das für eine Region, die das alles jahrzehntelang getragen hat?

Die Zahlen dafür liegen offen. Man muss sie nur vollständig lesen.

Quellenverzeichnis

AG Energiebilanzen e.V. – Energiebilanz Deutschland 2000 & 2024
https://ag-energiebilanzen.de/wp-content/uploads/EBD24p2_Auswertungstabellen_deutsch.pdf

Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) / Umweltbundesamt, „Energieeffizienz in Zahlen – Entwicklungen und Trends in Deutschland 2022“:
https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Energie/energieeffizienz-in-zahlen-2022.pdf

Rebound-Effekt
https://www.bundestag.de/resource/blob/282726/85e2970ac3cda746a05541a0269eda69/der-rebound-effekt–stoerendes-phaenomen-bei-der-steigerung-der-energieeffizienz-data.pdf

Endenergieverbrauch nach Energieträgern und Sektoren
https://www.umweltbundesamt.de/daten/energie/energieverbrauch-nach-energietraegern-sektoren

Alles Gute zum Schulanfang wünscht euch Lars Schieske.

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